Spanien vor der Wahl: „Pedro, der Hübsche“ hofft auf ein Wunder

Vor der Spanien-Wahl : „Pedro, der Hübsche“ hofft auf ein Wunder

Vor der Wahl in Spanien sieht es für die Sozialisten unter Regierungschef Sánchez nicht schlecht aus. Doch ein Rechtsruck ist nicht ausgeschlossen.

(ze/dpa) Der 47-jährige Sozialist Pedro Sánchez war schon öfter für Überraschungen gut. Der bisher letzte große Coup des begeisterten Basketballfans war die Entmachtung des konservativen Regierungschefs Mariano Rajoy Ende Mai vor einem Jahr. Damals katapultierte er Rajoy, der trotz zahlreicher Korruptionsaffären in der Parteispitze nicht zurücktreten wollte, per Misstrauensantrag aus dem Amt. Dadurch wurde der damalige Oppositionsführer Sánchez, der mit 21 in die Sozialistische Arbeiterpartei eintrat, ganz ohne Parlamentswahl zum neuen Ministerpräsidenten Spaniens.

Kaum im Amt sorgte der 1,90 Meter große, verheiratete Vater zweier Töchter schon wieder für Staunen: Er stellte ein feministisches Kabinett mit elf Ministerinnen und sechs Ministern vor – das weiblichste Kabinett Europas. Umfragen zufolge hat Sánchez auch deshalb viele weibliche Fans, was aber möglicherweise auch mit seinem sportlichen Aussehen zusammenhängt, das ihm den Beinahmen „Pedro, der Hübsche“ einbrachte. Ob ihm dieser Ruf bei der Parlamentswahl in Spanien an diesem Sonntag hilft, um sein Regierungsamt zu verteidigen, steht auf einem anderen Blatt. Denn im Wahlkampf standen weniger feministische Themen, sondern vor allem der Unabhängigkeitskonflikt in Katalonien im Vordergrund, noch vor Arbeitslosigkeit, Einwanderung oder Europa. Es ist eine Krise, die nicht nur in Katalonien, sondern in ganz Spanien Zwietracht sät.

Sánchez trat für Gespräche mit den katalanischen Separatisten ein, die weiterhin einen eigenen Staat anstreben. „Eine politische Krise erfordert eine politische Lösung“, sagte Sánchez, der sich mit diesem Bekenntnis von der Unnachgiebigkeit seines Vorgängers Rajoy abhob. Die konservative Opposition schäumt deswegen und wirft Sánchez vor, Spaniens Einheit aufs Spiel zu setzen und ein Vaterlandsverräter zu sein.

Im progressiven Lager erntete Sánchez derweil Beifall. Wohl auch deswegen können Sánchez’ Sozialisten, die in der letzten Wahl 2016 mit 23 Prozent ein schlechtes Ergebnis einfuhren, wieder Hoffnung schöpfen. Die Umfragen trauen ihnen rund 30 Prozent zu – das wäre ein Erfolg in Zeiten, in denen die Sozialdemokraten in vielen Ländern Europas Zustimmung verlieren.

Doch auch mit diesem positiven Ergebnis müsste sich Sánchez erneut Partner suchen, um eine Mehrheit im Parlament zu haben. Dafür kommen nach derzeitigem Stand nur die linksalternative Partei Podemos und die kleinen Regionalparteien aus dem Baskenland sowie Katalonien in Frage. Der Chef der linksalternativen Podemos, Pablo Iglesias, würde gern weiter mitregieren, ist aber geschwächt wegen Zerwürfnissen in der Partei. Indes stünde Sánchez vor der Neuauflage jener Wackelkonstellation, die im Februar nach achteinhalb Monaten scheiterte, was die jetzige Neuwahl zur Folge hatte.

Dass der Wirtschaftswissenschaftler und überzeugte Europäer Sánchez überhaupt mit seiner schwachen Minderheitsregierung so lange durchhielt, war übrigens eine weitere Überraschung: Seine Partei hält derzeit nur 85 der 350 Parlamentsmandate – deswegen wurden ihm bei der Übernahme im Juni 2018 keine großen Chancen eingeräumt, überhaupt regieren zu können. Trotzdem ging es halbwegs gut, bis im Februar über den Haushalt abgestimmt wurde, den die katalanischen Parteien durchfallen ließen. Ohne Haushalt lässt sich nicht regieren, damit war Sánchez’ Regierungszeit zunächst beendet.

Ob es für ihn weitergehen kann, hängt vor allem vom konservativen Lager ab. Sánchez muss fürchten, dass die konservative Volkspartei PP, die liberalen Ciudadanos und die aufstrebende rechtspopulistische Vox zusammen ausreichend Stimmen für eine Regierung bekommen. In Andalusien wird diese Zusammenarbeit bereits seit Februar geprobt. Die Umfragen trauen Vox national auf Anhieb mindestens elf Prozent zu. Deren Chef Santiago Abascal rechnet sogar mit mehr.

Allerdings: Die letzte TV-Debatte brachte am Dienstag ein Zerwürfnis im rechten Lager. PP-Mann Pablo Casado und Ciudadanos-Chef Albert Rivera ließen in ihren Attacken gegen Sánchez plötzlich nach und kriegten sich in die Haare. Nach der Debatte warb Ciudadanos spontan den Madrider PP-Chef ab. Sánchez versuchte sofort, Profit zu schlagen. „Die Rechten können sich nicht einmal untereinander über den Weg trauen. Wie sollen die Wähler ihnen vertrauen?“, sagte er. Es könnte ihm helfen, Regierungschef in Spaniens zu bleiben.

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