Sehnsucht nach Frieden im zerrissenen Land: Im Sepraratistengebiet Luhansk schauen die Menschen gespannt auf den Ukraine-Gipfel in Paris.

Ukraine-Gipfel in Paris : Sehnsucht nach Frieden im zerrissenen Land

Im Separatistengebiet Luhansk schauen die Menschen gespannt auf den Ukraine-Gipfel. Aber wollen sie künftig zur Ukraine gehören, zu Russland – oder eigenständig sein?

An diesem tristen Wintertag in Luhansk sticht eine Leuchtreklame als Farbfleck in der Separatistenmetropole hervor: „Lebe und gedeihe, geliebte Republik“ steht an einer Fassade. Gemeint ist die nicht anerkannte Volksrepublik Luhansk (LPR). Sie hat eine hellblau-blau-rote Fahne, ein Wappen mit Sowjetstern und den russischen Rubel. Hier im Stadtzentrum schweigen mehr als fünf Jahre nach Beginn des Krieges zwar die Waffen. Es gilt aber weiter das Kriegsrecht. Hin- und hergerissen zwischen Russland und der Ukraine sehnen sich die Menschen nach Frieden und klaren Verhältnissen.

Im Schneegestöber gibt sich der Rentner Vitali freimütig als LPR-Anhänger. „Ich war 2014 bei den Demonstrationen dabei“, sagt der 72-Jährige. Er protestierte damals gegen den Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, nahm teil am so bezeichneten Anti-Maidan, der Gegenbewegung zur proeuropäischen Revolution auf dem Maidan in Kiew. Viele griffen damals zu Waffen, die beim Geheimdienst und der Polizei lagerten, später kam Nachschub aus Russland. Die ukrainische Regierung antwortete mit Panzern und Luftangriffen. Auch Luhansk wurde getroffen.

Vitali schaut, wie er sagt, hoffnungsfroh auf den Ukraine-Gipfel am heutigen Montag in Paris. Dort treffen erstmals der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Kremlchef Wladimir Putin zusammen. Es wird zugleich ein neuer Versuch, den Krieg im Donbass, zu dem auch die nicht anerkannte Volksrepublik Donezk gehört, zu beenden. Ziel des Gipfels ist eine Lösung dieses tiefen Konflikts, der sich nicht zuletzt darum dreht, wie die russischsprachige Region mitbestimmen kann bei ihrer Zukunft. Selenskyj schwebt vor, dass dort im nächsten Herbst gewählt werden soll – wie im Rest des Landes auch.

„Wir müssen nach Russland“, sagt der Senior Vitali. Der frühere Hochschulangestellte, der heute von überdurchschnittlichen 9500 Rubel (135 Euro) lebt, erzählt aber, dass sich ein Riss durch seine Familie ziehe. Seine Frau ging in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet nach Charkiw. Sein Sohn, der bei einer Bank arbeitet, zog nach Kiew, wo die Regierung einen EU- und Nato-Beitritt anstrebt. Kontakt haben sie wegen ihrer politischen Positionen kaum noch, wie Vitali sagt.

Die Meinungen gehen aber auch bei den Einwohnern der Großstadt auseinander. Auf dem Zentralen Markt sieht Verkäuferin Olga an ihrem Imbiss die Lösung nicht unbedingt in einem Beitritt zu Russland und schon gar nicht als unabhängiger Staat. Die jetzt fast nur noch über Russland importierten Waren seien nicht nur teurer, sondern auch schlechter, sagt sie. Sie verkauft Hot Dogs und heiße Getränke. Vor dem Krieg war die 42-jährige Mutter von zwei Söhnen Unternehmerin mit eigenem Laden für Trikotagen. Ukraine oder Russland? „Hauptsache, nur kein Krieg mehr“, sagt sie. Viele wie Olga bleiben hier wegen der eigenen Wohnung. Anderswo wäre es schon wegen der Miete teurer. Fast jeder aber klagt, dass etwa die Bürokratie viel schlimmer geworden sei. Die Gebietsverwaltung tut indes alles, um Tatsachen zu schaffen. Autos erhalten Nummernschilder der Lugansk People’s Republic (LPR), es gibt eine eigene Staatsbank. Ukrainisches Fernsehen ist über Kabel nicht zu empfangen. Auch das Internet wird zensiert. Wer ukrainische Webseiten aufrufen will, erhält den Sperrvermerk mit dem „Staatswappen“ der LPR.

Am Lenindenkmal läuft der Computerfachmann Denis zur Arbeit. „Ich glaube nicht, dass man alles zurückdrehen kann und dass es so wie 2014 wird“, sagt der 26-Jährige. Er hofft, dass der Paris-Gipfel den Schwebezustand der Region beenden kann. „Die Jugend will ausgehen, feiern, sich amüsieren“, sagt er voller Elan. Da stört die Sperrstunde ab 23 Uhr, wenn das Leben auf der Straße abrupt endet.

Auf dem zentralen Platz von Luhansk steht ein Denkmal des kommunistischen Revolutionsführers Lenin. Wird es dort bleiben? Foto: dpa/Ulf Mauder

Auf die von Russland inzwischen leichter vergebene Staatsbürgerschaft verzichtet er. Nach offiziellen Angaben haben bisher 48 000 Einwohner des Luhansker Gebiets das umstrittene Angebot der Russen angenommen. Nicht viele. „Der russische Pass bietet keine Vorteile. Mit dem ukrainischen kann ich frei reisen“, sagt Denis. Weit hat er es nicht in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet. Rund zwölf Kilometer entfernt liegen der Kontrollpunkt der Separatisten und eine Fußgängerbrücke. Stanyzja Luhanska heißt der Ort an der entmilitarisierten Frontlinie. Dort beschossen sich 2014 und 2015 Einheiten der Regierung und der von Russland unterstützten Separatisten. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) überwacht die brüchige Waffenruhe. Rund 13 000 Menschen verloren nach UN-Angaben in dem Krieg im Donbass ihr Leben. Hunderttausende Ukrainer leiden unter dem Kriegstrauma.