Militärs im Sudan versprechen nach Putsch baldige Machtübergabe

Militärs im Sudan versprechen nach Putsch baldige Machtübergabe : Revolutionen in Nordafrika gehen weiter

Im Sudan und in Algerien danken die Langzeitherrscher nach wochenlangen Protesten ab. Auch in anderen Ländern gärt es.

Die junge Sudanesin steht auf einem Sockel über der Menge auf einem großen Platz vor der Militärzentrale im Zentrum von Khartum. Ein weites, weißes Tuch um Kopf und Körper geschlungen, immer wieder rutscht es von den schwarzen Haaren, als sie euphorisch von Freiheit singt, wie ein Vorsänger im Stadion. Die Menge antwortet nach jedem Satz mit einem Wort: „Revolution“.

Die Bilder von den Massenprotesten im Sudan, die einem Militär­putsch vorausgegangen waren, erinnern an den Januar 2011: Damals standen Hunderttausende auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo und forderten den Sturz des Regimes von Husni Mubarak. Zuvor zogen schon in Tunis Zehntausende junger Menschen über die zentrale Prachtstraße und stürzten Langzeitherrscher Zine el Abidine Ben Ali nach 23 Jahren an der Spitze des Staates. Beobachter sprechen nun schon von einem „Arabischen Frühling 2.0“.

Die Revolutionen damals wurden in aller Welt als „Arabischer Frühling“ gefeiert. Doch als dann in Syrien ein blutiger Bürgerkrieg ausbrach, der bis heute genau so andauert wie der Krieg im Jemen und in Libyen, und als nach der anfänglichen Euphorie der erste demokratisch gewählte Präsident Ägyptens durch einen Militärputsch gestürzt wurde, wurden schnell Bilder vom „Arabischen Winter“ oder von der „gescheiterten Revolution“ bemüht.

Fast zehn Jahre später kommt es wieder zu Protesten: Im Sudan und in Algerien wurden nach 30 und 20 Jahren die Langzeitmachthaber Omar al-Baschir und Abdelaziz Bouteflika gestürzt. Auch in Marokko und in Jordanien gibt es immer wieder Demonstrationen gegen die staatliche Führung.

In Algerien begannen die Proteste Mitte Februar dieses Jahres. Nach fast 20 Jahren im Amt verkündete Abdelaziz Bouteflika, für eine fünfte Amtszeit kandidieren zu wollen. Der Mann, der seit Jahren kaum noch öffentlich auftritt und in Karikaturen als Gespenst dargestellt wird. „Da haben sich die Menschen nicht ernst genommen gefühlt“, sagt Politikwissenschaftler André Bank vom Giga-Institut für Nahost-Studien.

Im Sudan fing alles mit der miserablen Wirtschaftslage an. Brot- und Benzinsubventionen wurden Ende 2018 gekürzt, Preise schossen in die Höhe. Tausende strömten auf die Straßen. Doch die Wut gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung richtete sich bald gegen den Präsidenten selbst. Am Donnerstag schließlich setzte das Militär Langzeitmachthaber Omar al-Baschir ab. Am Freitag versprach die Militärregierung, bald einer zivilen Regierung Platz zu machen. Das Militär werde während der Übergangsphase lediglich für Sicherheit und Stabilität sorgen, sagte Omar Sain al-Abdin, der Leiter des politischen Gremiums der Militärregierung. „Ich schwöre, wir werden die Forderungen der Menschen unterstützen.“

Der neue starke Mann ist der bisherige Vizepräsident und Verteidigungsminister Awad Ibn Auf, der jahrelang an Al-Baschirs Seite gearbeitet hatte. Er verhängte für drei Monate den Ausnahmezustand und ordnete eine Ausgangssperre an. Zudem erklärte er das Parlament und andere staatliche Institutionen für aufgelöst. Die Justiz soll aber weiterarbeiten. Al-Baschir wurde festgenommen. Ihm soll im Sudan der Prozess gemacht werden. Eine Auslieferung an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, der ihn wegen Massaker im Westsudan während der Darfurkriege sucht, lehnt das Militär ab.

Oppositionsgruppen verurteilten den Putsch, forderten eine zivile Übergangsregierung und kündigten weitere Demonstrationen an. Am Freitag protestierten erneut Tausende Menschen mit einer Sitzblockade vor der Militärzentrale in Khartum.

Umbrüche in der arabischen Welt seit 2011. Foto: SZ/Müller, Astrid

Auch die negativen Ereignisse nach den Protesten in Syrien und dem Jemen und den Gegenrevolutionen in Libyen und Ägypten halten die Menschen in Nordafrika derzeit nicht davon ab, auf die Straße zu gehen. „Der arabische Raum hat keinen Nelson Mandela, es gibt keine organisierte Opposition und die zivilgesellschaftlichen Strukturen sind schwach“, sagt Nahost-Experte Loay Mudhoon. Aber im Sudan hat sich eine junge Frau als Symbol der Freiheit herausgestellt: Alaa Salah. Die Frau mit dem weißen Gewand. „Die Freiheitsstatue von Khartum“, wie sie auch einige bezeichnen.

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