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Lockdown in Frankreich: Macron und das Prinzip Hoffnung

Lockdown in Frankreich : Warum Macron auf das Prinzip Hoffnung setzt

Emmanuel Macron hat ein Machtwort gesprochen. Frankreich wird in keinen dritten sehr strengen Lockdown gehen – noch nicht. Der französische Präsident hat eine sehr politische Entscheidung getroffen, denn die medizinischen Indikatoren sprechen dafür, dass er den falschen Weg eingeschlagen hat.

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Land ist weiter beunruhigend hoch, die Intensivstationen in den Krankenhäusern sind voll und die neuen, sehr ansteckenden Varianten von Covid-19 machen keine Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation. Im Gegenteil, die Gefahr ist sehr groß, dass sich das Virus in den kommenden Wochen ungehemmt ausbreiten könnte. Aus diesem Grund haben praktisch alle Virologen, Gesundheitsminister Olivier Véran und auch Premierminister Jean Castex die Franzosen in den vergangenen Tagen immer wieder auf einen erneuten Lockdown vorbereitet. Doch der Präsident hat sich dagegen entschieden.

Für Nicht-EU-Länder gilt nun seit dem gestrigen Sonntag außer in dringenden Fällen ein Ein- und Ausreiseverbot, wie Regierungschef Jean Castex in Paris bereits verkündet hatte. Zudem müssten Geschäfte, die nicht für den täglichen Bedarf notwendig sind, ab einer Größe von 20 000 Quadratmetern schließen. Allerdings wirken diese Maßnahmen geradezu milde angesichts der angespannten Situation. Doch Macron ahnt wohl, dass es sehr vielen seiner Landsleute nicht mehr zuzumuten ist, den ganzen Tag zu Hause eingesperrt zu werden. Mit Schrecken erinnern sich die Franzosen an den ersten Lockdown, als sie nur eine Stunde am Tag die Wohnung verlassen durften und das auch nur im Umkreis von einem Kilometer.

Nach einem Jahr wird auch in Frankreich der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen immer heftiger. Mit großer Sorge schweift der Blick in Richtung der sonst so entspannt reagierenden Niederlande, wo der Aufstand gegen die Einschränkungen inzwischen in Gewalt umschlägt. Die Angst vor dem sozialen Abstieg wächst, das Homeoffice wird von vielen längst als Isolation empfunden und das Gift der Einsamkeit bedroht immer mehr Menschen.

Natürlich weiß Emmanuel Macron, dass es in dieser Pandemie vor allem darum geht, das Leben von Kranken zu retten. Aber er hat auch erkannt, dass ein weiteres Ziel sein muss, zumindest ein gewisses Maß an Lebensqualität für die Lebenden aufrechtzuerhalten. Der Präsident begibt sich mit seiner Entscheidung auf einen sehr schmalen Grat, und er setzt dabei auch auf das Prinzip Hoffnung. Die Hoffnung, dass es zu keinem unkontrollierten Aufflammen der Pandemie kommt, dass endlich schneller mehr Menschen geimpft werden können und dass das Virus im Frühjahr, wenn die Temperaturen wieder steigen, eher unter Kontrolle zu bekommen ist. Schon die nächsten Tage werden zeigen, ob Emmanuel Macron den richtigen Weg eingeschlagen hat.

Im Vorfeld hatte Regierungssprecher Gabriel Attal erklärt, die Regierung prüfe eine Reihe von Szenarien, zu denen auch „ein sehr strenger Lockdown“ gehöre. Die geltende landesweite Sperrstunde um 18 Uhr reiche nach Einschätzung von Experten nicht aus, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Frankreich verzeichnet seit der Jahreswende wieder steigende Infektionszahlen. Zuletzt waren es mehr als 20 000 tägliche Neuinfektionen.