Moskau Eine Frage von Treue und Verrat

Moskau · Söldnerchef Jewgeni Prigoschin ist Wladimir Putins Mann fürs Grobe. Doch seit dem Überfall auf die Ukraine stellt der 61-Jährige die ungeschriebenen Gesetze des Kremls in Frage. Das könnte Prigoschin in den Untergang führen – oder Putins Niedergang einleiten.

Hängt sein Leben am seidenen Faden, wie Kreml-Kenner behaupten? Hier nimmt Jewgeni Prigoschin, Chef der Wagner-Gruppe, an der Beerdigung eines Kämpfers teil, der während eines Einsatzes in der Ukraine ums Leben kam.

Hängt sein Leben am seidenen Faden, wie Kreml-Kenner behaupten? Hier nimmt Jewgeni Prigoschin, Chef der Wagner-Gruppe, an der Beerdigung eines Kämpfers teil, der während eines Einsatzes in der Ukraine ums Leben kam.

Foto: dpa/Uncredited

Die Szene verströmt Bunkerflair. Jewgeni Prigoschin sitzt im Halbdunkel vor einer Kamera. Ein schwaches Licht strahlt nur den Kopf mit der markant hohen Stirn an. „Wenn Wagner sich aus Bachmut zurückzieht, bricht die Front zusammen“, sagt der 61-Jährige in dem Telegram-Video. Dann könne sogar die Krim fallen. Das ist eine kaum verhüllte Drohung. Denn der Chef der Söldnergruppe Wagner sichert mit seinen Kämpfern seit Monaten die wenigen Erfolge der russischen Truppen in der Ukraine. Vor allem im symbolträchtigen Kampf um Bachmut im zentralen Donbass. Für den Kreml wäre ein Wagner-Abzug dort eine Katastrophe. Und deshalb ist der Einsatz hoch, wenn Prigoschin einen „Verrat“ anprangert.

Die Armeeführung liefere seinen Söldnern nicht die zugesagte Munition, behauptet Prigoschin schon seit Januar. Seither steht sein Name in den Staatsmedien auf dem Index. Dazu muss man wissen: Verteidigungsminister Sergei Schoigu ist einer der engsten Vertrauten Wladimir Putins. Der Präsident hat den bärbeißigen Sibirier seit den ersten Tagen im Kreml an seiner Seite. Und: Verrat ist der schwerste Vorwurf, den es in Putins Machtsystem gibt. Auf nichts legt der Präsident so großen Wert wie auf Loyalität. Umgekehrt ist die Blutspur getöteter „Verräter“ in der Putin-Ära lang. Sie reicht vom Doppelagenten Alexander Litwinenko über Ex-Premier Boris Nemzow bis zum Opfer des Berliner Tiergartenmords.

Kremlkenner wie der russisch-amerikanische Politologe Michael Nacke gehen deshalb davon aus, dass Prigoschins Leben „an einem seidenen Faden hängt“. Dazu passt die Bunkerszenerie aus dem aktuellen Video: Versteckt er sich bereits? Es gibt auch eine andere Sicht. Demnach ist es Putin, der sich im Niedergang befindet. Der Präsident habe sich seit dem Überfall auf die Ukraine isoliert, erklärt die britische Putin-Biografin Catherine Belton. Er traue niemandem mehr, aus Angst vor Anschlägen. Deutet man Prigoschins Angriffe in diesem Kontext, könnte der Wagner-Chef nur der erste Putin-Getreue sein, der die Loyalitätsbande löst. Dann könnte etwas ins Rutschen geraten. Der Präsident brauche „dringend einen Sieg, um sein Überleben zu sichern“, ist Belton überzeugt. In Bachmut geht es demnach um alles. Klar ist: Prigoschin ist in Kreisen nationalistischer Hardliner zum Favoriten auf Putins Nachfolge aufgestiegen. Das hat vor allem mit der Brutalität des 61-Jährigen zu tun. Im Donbass schickt er seine Söldner als „Einwegsoldaten“ in den Häuserkampf. Nur um herauszufinden, von wo der Gegner die Männer erschießt. Deserteure lässt er standrechtlich hinrichten. Im Netz ging ein Video um die Welt, das eine Exekution mit einem Vorschlaghammer zeigen soll. Und die Gewaltorgien haben Methode. Mord, Folter, Vergewaltigung: „Diese Barbarei hat erstaunlich viele Fans in Russland“, erklärt der kremlkritische Publizist Michail Zygar.

Aber hat der Wagner-Chef wirklich das Zeug und den Willen dazu, das Fundament des Systems zu zertrümmern, auf dem seine eigene Macht ruht? Denn ohne Putin wäre Prigoschin nichts. Das Bündnis der beiden beginnt im rechtlosen Sankt Petersburg der 90er-Jahre. Mafiakämpfe toben. Prigoschin, der bereits zu Sowjetzeiten wegen Betrugs neun Jahre im Gefängnis gesessen hat, kann sich als Casinobetreiber und Gastronom behaupten. Auch dank Putin, der in der Stadtverwaltung allerlei Lizenzen erteilt. Prigo­schin revanchiert sich mit Einladungen in seine Nobelrestaurants. Beide halten den Kontakt, als Putin in Moskau Karriere macht: Geheimdienstchef, Premier, Präsident.

„Putins Koch“, lautet bald Prigoschins Spitzname. Im Kreml darf er Bankette ausrichten. Er beliefert die Armee, Schulen und Staatskonzerne. Das ist lukrativ. Der Vater zweier Töchter steigt zum milliardenschweren Oligarchen auf. Lug, Betrug und Manipulation gehören dazu. Das zeigt sich, als Prigoschins Produkte im Internet schlecht bewertet werden. Er heuert Aktivisten an, die das Netz mit Lobeshymnen fluten. Es ist der Ursprung jener berüchtigten Petersburger Trollfabrik, die bald auch Kampagnen im Ausland lanciert. Zum „Meisterstück“ wird die Einmischung in den US-Wahlkampf 2016. Prigoschin rühmt sich später als Präsidentenmacher von Donald Trump. Doch ohne das Okay aus dem Kreml ist das undenkbar.

Im Putin-System verschwimmen die Grenzen zwischen Politik und Geschäft, Ämtern und wahrer Macht. Das zeigt nichts so eindrücklich wie die Geschichte der Privatarmee Wagner, die 2013 im Dunstkreis russischer Spezialkräfte entsteht. Anfangs führt der Hitler-Bewunderer Dmitri Utkin die Söldnertruppe. Doch Prigoschin hat nicht nur das Geld, um sich einzukaufen. Er hat auch die nötige Rückendeckung. Denn nichtstaatliche Militärunternehmen sind in Russland illegal. Aber Putin kann die Wagner-Söldner für die ganz besonderen Missionen gut gebrauchen. In Syrien, im Donbass, später auch in Mali und anderen afrikanischen Staaten. Wagner ist meist dort im Einsatz, wo Russland offiziell nicht aktiv ist.

Und wo sich lukrative Geschäfte machen lassen. Mit Rohstoffen oder mit Blutgeld, das Prigoschins Kassen füllt. Keine Frage also: Der 61-Jährige verfügt über Mittel und Methoden, die sonst kein potenzieller Putin-Herausforderer auf sich vereint. Er hat Geld, kommandiert die härtesten Kämpfer Russlands und ist gut vernetzt. Aber kann er auch strategisch denken? Für die Rolle des Königsmörders reiche es nicht, sagt Kremlkenner Nacke. Prigoschin sei Putin in allen Belangen unterlegen. „Er hat zuletzt versucht, bei den großen Jungs mitzuspielen.“ Aber sobald Putin den Daumen senke, sei es damit vorbei.

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