1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Ausland

Jahresrückblick 2020: Ein Virus verschiebt die Balance der Welt

Jahresrückblick : Ein Virus verschiebt die Balance der Welt

Von China aus verbreitet sich Sars-Cov-2 um die Welt. Gerade die USA bekommen das Virus nicht in den Griff – Präsident Trump wird abgewählt. Dagegen profitiert ausgerechnet Peking von der Krise.

Die Szene ist sinnbildlich für den Zustand eines ganzen Landes: Nachdem CNN als erster großer US-Sender die Wahl Joe Bidens zum 46. Präsidenten der USA verkündet hat, kann Moderator Van Jones die Tränen nicht mehr zurückhalten. Nun sei es wieder einfacher, Vater zu sein, sagt der tief gerührte Journalist. Es sei einfacher, den Kindern zu erklären: Charakter ist wichtig. „Ein guter Mensch zu sein, ist wichtig“, sagt Jones.

Wenn ein Fernseh-Moderator so auf die Wahl eines Politikers – oder besser: die Abwahl eines amtierenden Präsidenten – reagiert, zeigt das, wie aufgeladen das politische Klima in den USA ist. Das Land ist tief gespalten. Jones ist vermutlich nicht der einzige unter den etwa 80 Millionen Biden-Wählern, denen an diesem 7. November Tränen der Erleichterung über das Gesicht laufen. Während es bei den 74 Millionen Unterstützern des Noch-Präsidenten Donald Trump Tränen der Wut geben dürfte: Viele von ihnen fühlen sich um den Sieg bei der Präsidentschaftswahl betrogen. Und ihr Idol selbst? Er schürt das Feuer, verbreitet wochenlang völlig unbelegte Manipulations-Vorwürfe. „Ich habe die Wahl gewonnen!“ schreibt er immer wieder bei Twitter. Eine Behauptung, die er schon in der Wahlnacht in die Welt setzt, als längst noch nicht alle Stimmen gezählt sind.

Denn die Auszählung nach dem Wahltag am 3. November dauert dieses Mal viel länger als sonst – erst nach Tagen steht Biden als Sieger fest. In jeglicher Hinsicht ist die Wahl geprägt von den Auswirkungen der Corona-Pandemie. So greifen so viele US-Amerikaner wie nie – vor allem Demokraten – auf die Möglichkeit der Briefwahl zurück. Auch inhaltlich ist die Wahl eine Art Referendum über den Umgang Trumps mit dem „China-Virus“, wie der Präsident Sars-Cov-2 zu nennen pflegt.

Dass Corona die US-Präsidentschaftswahl entscheidet, ist symp­tomatisch für das Jahr 2020. Dem Virus gelingt es, die Machtverhältnisse auf dem Planeten ein Stück weit zu verschieben. Während die Supermacht USA die Krise unter Trump einfach nicht in den Griff bekommt, rappelt sich das anfangs am härtesten betroffene China unter Präsident Xi Jinping erstaunlich schnell wieder auf. Hier Rekordarbeitslosigkeit und Armut, dort Wachstumsraten, die sich im Herbst schon wieder dem Vor-Krisen-Niveau annähern. Hier traurige Spitzenwerte bei den Infektionen und den Corona-Toten, dort ab März konstant niedrige Zahlen und das Ausbleiben einer zweiten Welle.

Auch wenn offizielle Zahlen aus dem diktatorisch regierten China grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen sind, so lässt sich doch feststellen, dass die Machthaber in Peking die Pandemie – zumindest nach der Anfangsphase – wesentlich besser gemeistert haben als die Politiker des Westens. So bitter es klingt: Es scheint, dass sich autoritäre Regime mit den Erfordernissen einer Pandemie leichter tun. Freiheitseinschränkungen sind schneller verhängt und durchgesetzt. Dazu kommen aber auch kulturelle Unterschiede wie etwa eine größere Affinität in der asiatischen Welt zu Alltagsmasken. Und auch die Bürokratie in Peking überzeugt am Ende mit effizienten Maßnahmen.

Doch das ist nicht von Anfang an der Fall: Die chinesischen Behörden reagieren spät, vielleicht zu spät, um die Welt vor Corona zu schützen. Es ist fast eine bittere Ironie des Schicksals, dass die Pandemie ihren Ursprung ausgerechnet im Land des späteren Krisen-Gewinners China hat – vermutlich auf dem Huanan-Fischmarkt in Wuhan. Schon Ende 2019 gibt es in der Acht-Millionen-Stadt erste Meldungen über eine rätselhafte Lungenkrankheit. Im Januar wird als Verursacher schließlich ein neuartiges Coronavirus identifiziert. Und obwohl die Zahl der Erkrankungen im Laufe des Monats immer weiter ansteigt, nehmen die Behörden die Bedrohung zunächst nicht ernst. Im Gegenteil: Warnende Stimmen werden mundtot gemacht.

Die Behörden steuern erst um, nachdem staatliche Experten am 21. Januar bekanntgeben, dass das neue Virus von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Wuhan wird abgeriegelt. Doch es ist zu spät. Sars-Cov-2 verbreitet sich rund um den Globus. Bis Jahresende meldet die Johns Hopkins Universität in den USA weltweit rund 81 Millionen Corona-Fälle, knapp 1,8 Millionen Menschen sterben an oder mit dem Virus. Erst im November gibt es Licht am Ende des Tunnels, als Biontech und Pfizer sehr vielversprechende Studien zu einem von ihnen entwickelten Corona-Impfstoff vorlegen. Bis Jahresende folgen weltweit erste Impfungen und zwei weitere Kandidaten für ein Heilmittel.

Dass US-Präsident Trump China die Alleinschuld an der Pandemie gibt, belastet die angespannten Beziehungen zwischen den beiden Großmächten zusätzlich. Später lässt der Umgang der chinesischen Führung mit der Sonderverwaltungszone Hongkong das Verhältnis zwischen Peking und Washington sogar noch weiter abkühlen. In der ehemaligen britische Kronkolonie demonstrieren Bürger für ihre Freiheits- und Autonomierechte. Mit einem Sicherheitsgesetz läutet die chinesische Führung Anfang Juli schließlich die Niederschlagung der Demokratie-Bewegung ein. Oppositionelle werden inhaftiert. Die USA verhängen Sanktionen gegen China, Peking reagiert mit Gegensanktionen.

Derweil zieht auch in Moskau ein autoritärer Herrscher die Zügel an. Zumindest spricht vieles dafür, dass Personen aus dem Dunstkreis von Wladimir Putin an der Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny beteiligt sind. Dem russischen Oppositionellen wird bei einem Wahlkampf-Auftritt in Sibirien der Nervenkampfstoff Nowitschok verabreicht – so lautet später die Diagnose in der Berliner Klinik Charité, wohin Nawalny nach dem Anschlag ausgeflogen wird. Moskau weist alle Anschuldigungen zurück. Fest im Sattel sitzt Langzeit-Herrscher Putin so oder so. Per Verfassungsänderung sichert er sich die Möglichkeit, bis 2036 zu regieren.

Im Kaukasus tritt Russland derweil als Friedensstifter auf und ist am Ende des Konflikts um Berg-Karabach beteiligt. Um die umstrittene Region liefern sich Armenien und Aserbaidschan monatelang einen blutigen Krieg – den Baku militärisch für sich entscheidet. Armenien muss für einen Waffenstillstand im November weitgehende Zugeständnisse machen. Russland schickt Friedenstruppen.

Corona weltweit Foto: SZ/Müller, Astrid

Als Friedensstifter inszeniert sich im September auch Donald Trump. Im Nahen Osten vermitteln die USA eine Übereinkunft zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Bahrain über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Ein seltener außenpolitischer Erfolg für Trump, der ihm aber bei der Wahl nichts mehr nützt. Zu sehr mobilisieren sein Corona-Management sowie sein spalterisches Auftreten die Wähler Joe Bidens. Mit ihm dürften die USA zurückkehren zu einer deutlich stärkeren internationalen Zusammenarbeit. Das Coronavirus hat es also auch hier geschafft, die Weltpolitik nachhaltig zu beeinflussen.