1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Ausland

Israel wappnet sich für einen Racheakt durch Iran

Nach US-Tötung des iranischen Generals Soleimani : Israel wappnet sich für einen Racheakt

Der jüdische Staat begrüßt die Tötung des iranischen Generals. Doch die Gefahr einer Vergeltung durch den Erzfeind steht im Raum.

(dpa) Nirgendwo hat die Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani durch das US-Militär wohl so viel Freude und Erleichterung ausgelöst wie in Israel. Überschwänglich lobt Regierungschef Benjamin Netanjahu seinen engsten Bündnispartner, US-Präsident Donald Trump, für dessen „entschlossenes, starkes und schnelles Vorgehen“ gegen Israels Erzfeind. „Soleimani hat viele Terroranschläge im ganzen Nahen Osten und anderswo initiiert, geplant und ausgeführt“, erklärt Israels Premier am Sonntag.

„Soleimani war zweifellos der zentrale Drahtzieher aller iranischen Bemühungen, sich in der Region militärisch zu etablieren und Terrororganisationen wie Hisbollah, Hamas und Islamischer Dschihad Waffen zu liefern“, sagt der Iran-Experte Raz Zimmt vom Institut für Nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv. Sein Tod werde der iranischen Unterstützung für Israels Feinde zumindest mittelfristig einen Dämpfer versetzen.

Doch könnte Israel nun zur Zielscheibe der Rache Teherans werden? „Es ist eine Möglichkeit, die kein israelischer Anführer ignorieren kann“, sagt Iran-Kenner Meir Javedanfar. „Aber ich glaube nicht, dass wir ganz oben auf der Liste des iranischen Regimes stehen.“ Israels Sicherheitskabinett befasste sich am Montag mit den möglichen Auswirkungen der Tötung Soleimanis. Beide Experten meinen jedoch, ein direkter Angriff auf Israel liege momentan keineswegs im Interesse Teherans. Sollten die Iraner Israel wegen Trumps Aktion angreifen, „dann hätten sie es doch nur mit einem weiteren entschlossenen Gegner zu tun“, sagt Javedanfar. Sollte es aber tatsächlich zum Krieg zwischen Washington und Teheran kommen, wäre die Lage anders, meint Zimmt: „Nur im Falle einer fortwährenden Eskalation mit einer direkten Konfrontation zwischen USA und Iran könnte Israel letztendlich mit hineingezogen werden.“

Die Rechtmäßigkeit des US-Angriffs auf Soleimani wird in Israel nicht in Zweifel gezogen. Er galt als Vordenker und treibende Kraft der iranischen Expansionspolitik mit dem Ziel einer Landachse vom Libanon über Syrien und den Irak bis nach Teheran. Unter seiner Führung dehnte der Iran seinen militärischen Einfluss über Milizen bis an die Grenze Israels aus. Die Tatsache, dass Verbündete seines Erzfeinds sich so nah festgesetzt haben, ist aus Israels Sicht unerträglich. Deshalb versucht der jüdische Staat immer wieder, Teheran mit Luftangriffen auf iranische Ziele zum Zurückweichen zu zwingen. Bisher ohne echten Erfolg.

Die größten Kopfschmerzen bereitet israelischen Militärs dabei die libanesische Hisbollah-Miliz, die im Syrien-Krieg auf Regierungsseite jahrelange Kampferfahrung gesammelt hat. Die Hisbollah könnte mit ihren Raketen Ziele in fast ganz Israel angreifen. Zuletzt war es 2006 zu einem Waffengang gekommen. Schon seit Jahren bereitet Israel sich auf eine neue Konfrontation mit der Miliz vor – die Tötung des Hisbollah-Verbündeten Soleimani könnte sich jetzt als das Zündholz erweisen. Israel ist aus Sorge vor Rache-Angriffen jedenfalls in erhöhter Alarmbereitschaft.

Auch die Palästinenserorganisationen Hamas und Islamischer Dschihad im Gazastreifen sind mit dem Iran verbündet. Dass Israels Konflikt mit den militanten Palästinensern wegen Soleimanis Tötung erneut eskaliert, gilt jedoch als unwahrscheinlich. „Wir sind dabei, mit der Hamas eine Einigung auf eine langfristige Waffenruhe zu erzielen“, sagt Javedanfar. „Ich glaube nicht, dass die Gaza-Einwohner einen Krieg mit Israel riskieren werden, weil Soleimani getötet worden ist – auch wenn es sie sehr verärgert.“

Und wie wird sich das neue Nahost-Drama auf Israels innenpolitische Krise auswirken, zwei Monate vor der Neuwahl am 2. März? Das Thema Iran und sein Atomprogramm steht schon seit Jahren ganz oben auf Netanjahus Agenda, und er präsentiert sich gern als „Mr. Sicherheit“. Könnte die Krise dem durch eine Korruptionsanklage angeschlagenen Regierungschef vor der Wahl neuen Auftrieb verleihen? Experte Javedanfar winkt ab. Die Tötung Soleimanis sei Konsens in Israel – und auch von der Opposition klar begrüßt worden.