Krieg in Nahost Israel plant Ausweitung des Militäreinsatzes in Rafah

Tel Aviv/Gaza · Israel sieht eine Offensive in Rafah als einzige Möglichkeit zur Zerstörung der Hamas. Obwohl mehr als die Hälfte der Flüchtlinge wieder geflohen ist, haben die USA Bedenken. Die News im Überblick.

Rauch über Rafah: Israels Führung will nach eigenen Angaben die letzten dort vermuteten Bataillone der Hamas zerschlagen.

Rauch über Rafah: Israels Führung will nach eigenen Angaben die letzten dort vermuteten Bataillone der Hamas zerschlagen.

Foto: Ramez Habboub/AP

Israel will den Militäreinsatz in Rafah im Süden des Gazastreifens trotz des Widerstands seiner Verbündeten ausweiten. Israel sei entschlossen, die Bodenoffensive zu erweitern, um die islamistische Terrororganisation Hamas zu zerschlagen und die Geiseln zu befreien, sagte der israelische Verteidigungsminister Joav Galant nach Angaben des israelischen Rundfunks bei einem Treffen mit dem Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, in Tel Aviv.

Sullivan hatte zuvor bei Gesprächen in Israel klargemacht, dass die USA eine großangelegte Offensive in Rafah weiter ablehnen. Sullivan sprach mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und Präsident Izchak Herzog in Jerusalem. Wie das Weiße Haus mitteilte, zeigte Sullivan dennoch Verständnis für Israels Bemühungen, die Hamas-Anführer im Gazastreifen zu finden.

Biden-Berater fordert Zugang zu gesamtem Gazastreifen

Der Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden pocht in Gesprächen mit der israelischen Führung auf den Zugang zu humanitärer Hilfe im gesamten Gazastreifen. Es sei wichtig, dass Israel und Ägypten ihre Gespräche über die baldige Wiedereröffnung des Grenzübergangs Rafah abschließen würden, habe Sullivan in Gesprächen mit Verteidigungsminister Joav Galant und dem israelischen Generalstabschef Herzi Halevi betont, teilte das Weiße Haus mit. Die humanitären Helfer müssten die Bedürftigen im gesamten Gazastreifen sicher mit Hilfe versorgen können, forderte Sullivan demnach. Damit die Hilfe in den Küstenstreifen gelange, müssten alle verfügbaren Grenzübergänge genutzt werden.

Galant und Halevi hätten Sullivan über „neue alternative Ansätze zur Bekämpfung der Hamas in Rafah“ informiert. Die USA lehnen eine große israelische Bodenoffensive in der Stadt im Süden des Gazastreifens ab. „Beide Seiten kamen überein, die Gespräche fortzusetzen“, so das Weiße Haus. Sullivan kam auch mit Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zusammen.

Bei seinen Treffen mit den Ministern im Kriegskabinett, Benny Gantz und Gadi Eisenkot, habe Sullivan bekräftigt, dass die USA die islamistische Hamas besiegt sehen wollten und alle Geiseln freigelassen würden, so das Weiße Haus weiter. Ähnlich habe er sich im Gespräch mit Oppositionsführer Jair Lapid geäußert. Bei seinem Besuch in der Region sei Sullivan auch mit Hussein al-Scheich, dem Generalsekretär der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), sowie dem Ministerpräsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mohammed Mustafa, zusammengekommen, hieß es. Man habe unter anderem über eine Beendigung der Kämpfe durch ein Geiselabkommen gesprochen.

Weiter heftige Angriffe und Kämpfe im Gazastreifen

Die israelischen Angriffe und Gefechte im Gazastreifen dauerten an. Bei einem Angriff in dem Flüchtlingsviertel Nuseirat im zentralen Gazastreifen wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde am Sonntag mindestens 24 Palästinenser getötet.

Die Armee bestätigte, dass am Vortag ein ranghohes Mitglied der Hamas-Polizei bei einem gezielten Angriff getötet worden sei. Bei einem weiteren Angriff in Nuseirat seien am Samstag ein weiterer Hamas-Kommandeur sowie fünf Aktivisten getötet worden. Außerdem seien mehrere Schmugglertunnel an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Ägypten entdeckt und zerstört worden. Israel geht davon aus, dass die Hamas auch durch Waffenschmuggel über die ägyptische Grenze militärisch so stark werden konnte.

Auslöser des Kriegs war das beispiellose Massaker mit mehr als 1200 Toten, das Terroristen der Hamas und anderer Gruppen am 7. Oktober in Israel verübt hatten. Im folgenden Krieg wurden nach Angaben der Gesundheitsbehörde bisher 35.456 Palästinenser getötet, wobei die unabhängig kaum zu verifizierende Zahl nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern unterscheidet.

Libanon: Tote und Verletzte nach israelischen Angriffen

Bei israelischen Angriffen im Südlibanon wurden libanesischen Angaben zufolge mindestens vier Mitglieder der Hisbollah-Miliz getötet. Laut Hisbollah-Kreisen aus der libanesischen Hauptstadt Beirut wurden bei einem Angriff in Nakura zwei Kämpfer getötet. Bei einem weiteren Angriff im Grenzort Mais al-Dschabal sollen zwei weitere Mitglieder der proiranischen Miliz ums Leben gekommen sein. Es soll weitere Verletzte gegeben haben. Offiziell bestätigte die Miliz den Tod von drei ihrer Kämpfer. Für gewöhnlich führt die proiranische Miliz nicht weiter aus, wo und wie ihre Kämpfer ums Leben kommen.

Die israelische Armee bestätigte die Angriffe. Das Militär hat nach eigenen Angaben Artillerie auf die Gegend um Nakura abgefeuert, „um eine Bedrohung zu beseitigen“. Kampfflugzeuge hätten Waffenlager und Militärgelände der Hisbollah angegriffen. Darüber hinaus sei eine Terrorzelle der Schiitenmiliz in der Gegend um den libanesischen Grenzort Mais al-Dschabal identifiziert und angegriffen worden.

Als Reaktion auf den Angriff in Nakura hat die vom Iran unterstützte Hisbollah nach eigenen Angaben Raketen auf israelische Ziele abgefeuert. Zudem reklamierte die Miliz weitere Angriffe auf den Norden Israels für sich.

Neue Proteste gegen die Netanjahu-Regierung

Netanjahu gerät auch durch wachsende Proteste auf der Straße gegen seine Politik immer mehr unter Druck. Am Montag kam es zu Beginn der neuen Sitzungsperiode des Parlaments erneut zu landesweiten Protesten. Eine Fahrzeugkolonne fuhr aus dem Norden des Landes in Richtung Jerusalem, wo eine große Kundgebung vor der Knesset geplant war. Die Polizei war in erhöhte Bereitschaft versetzt worden. Die Protestbewegung fordert Netanjahus Rücktritt und Neuwahlen.

Hunderte nehmen Abschied von Deutsch-Israelin

Zwei Tage nach Bergung ihrer Leiche im Gazastreifen nahmen am Sonntag Hunderte Menschen in Israel am Begräbnis der Deutsch-Israelin Shani Louk teil. Die 22-Jährige war bei dem Terrorangriff am 7. Oktober ermordet worden. Ihre Leiche war in den Gazastreifen verschleppt worden. In der Nacht zum Freitag konnte das israelische Militär in einem Spezialeinsatz die Leichen von Shani Louk sowie drei weiteren Geiseln aus einem unterirdischen Tunnel im Gazastreifen bergen.

© dpa-infocom, dpa:240520-99-96119/13

(dpa)
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