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Impfstoff-Zulassung: Kritik vom Kontinent an Großbrittanien

Impfstoff-Zulassung : Respekt statt Briten-Bashing wäre jetzt angebracht

Großbritannien lässt als weltweit erstes Land den Impfstoff von Biontech/Pfizer zu – und während im Königreich große Freude herrscht, hallt vom Kontinent harsche Kritik auf die Insel. So sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) etwa, es gehe nicht darum, wer Erster sei, sondern, dass man „sichere und wirksame Impfstoffe“ erhalte.

Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur (Ema) meldete Zweifel an. Die Mahner schufen damit das Narrativ in Europa: irgendwie fragwürdig, was auf der Insel passiert. Das darf man trotz des allgemeinen Trends zum Briten-Bashing als unfair bezeichnen.

Doch nach Jahren, die von Brexit-Dramen, Schuldzuweisungen und politischen Spielchen insbesondere von Seiten Londons geprägt waren, ist das Vertrauen Europas in Großbritannien offenbar völlig aufgebraucht. Die Reputation des Königreichs wurde so schwer beschädigt, dass selbst ein beeindruckender Erfolg wie die zügige Zulassung durch die medizinische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel in Großbritannien nicht mehr als solcher anerkannt zu werden scheint. Dass einige Politiker, darunter Gesundheitsminister Matt Hancock, den Brexit als einen der Gründe vorschoben, half keineswegs. Die Debatte ist genauso ermüdend wie öde. Großbritannien bleibt bis zum Ende der Übergangsphase am 31. Dezember noch immer an EU-Recht gebunden. June Raine, die Chefin der unabhängigen Behörde, betonte denn auch, man habe mit exakt den gleichen Standards gearbeitet, wie es international üblich sei.

Mit dem Austritt aus der Staatengemeinschaft hat die Sache nichts zu tun, es handelte sich um das typische Getöse der europaskeptischen Hardliner, die jede Gelegenheit nutzen, um die angebliche britische Einzigartigkeit zu rühmen. Man sollte sie in diesem Falle ignorieren. Denn die seriösen Stimmen auf der Insel, ob aus der Wissenschaft oder Politik, loben natürlich die internationale Kooperation bei der Impfstoffentwicklung und lassen das Thema Brexit beiseite.

Verfährt die EU wirklich sicherer oder führt der von den 27 Mitgliedstaaten visierte „gemeinsame europäische Ansatz“ zu Verzögerungen? Gut möglich, dass die Ema schlicht langsamer ist und nun irgendwie rechtfertigen muss, warum im Königreich schon kommende Woche mit den ersten Impfungen begonnen werden kann.

Die Beanstandungen Richtung London seien zu unkonkret, hieß es nun seitens Experten. Alle Behörden folgen dem sogenannten Rolling-Review-Verfahren. Dabei erhalten die Aufseher die Daten aus den klinischen Studien, sobald diese verfügbar sind, nicht erst nach Abschluss der klinischen Studienphase. Hinzu kommt, dass die britische Behörde weltweit einen ausgezeichneten Ruf genießt.

 Auch wenn der Druck im Vereinigten Königreich hoch gewesen sein mag angesichts von rund 60 000 offiziellen Corona-Toten, verdienen es die Experten der Behörde bei aller gebotenen Vorsicht, ernstgenommen und respektiert zu werden, auch außerhalb Großbritanniens.