Grüne Welle in Frankreich: Wie die Partei mit ihrem Erfolg umgeht

Nach den Wahlen : Grüne Träume wachsen in den französischen Himmel

Bei der Europawahl sind die Grünen in Frankreich überraschend drittstärkste Kraft geworden. Sie freuen sich – und haben große Pläne für die Zukunft.

Die eigentliche Überraschung der Europawahl in Frankreich blieb lange unbeachtet. Während die Kommentatoren noch mit großem Eifer über den knappen Sieg von Marine Le Pen, den Absturz der Konservativen und den Niedergang der Sozialisten orakelten, trat Yannick Jadot von den Grünen vor seine Anhänger und rief überwältigt ins Mikrofon: „Wir sind die drittstärkste politische Kraft in Frankreich.“ Die Partei Europe Écologie (EELV) war von ihrem Erfolg selbst überrumpelt worden, über 13 Prozent der Wähler haben für sie gestimmt.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Bewegung, trotz einiger kleiner Erfolge, nie zu einer wirklich einflussreichen politischen Größe entwickelt. Im Jahr 2009 hatten die Grünen einmal bei der Europawahl fast 17 Prozent der Wählerstimmen erhalten. Damals wurden sie angeführt vom charismatischen Daniel Cohn-Bendit, der sich in Frankreich noch heute in diesem Erfolg sonnt. Dieses Mal war es ausgerechnet Cohn-Bendit, der kurz vor der Wahl in einem Interview den Abgesang auf die Liste Europe Écologie anstimmte, die unter ihrem Anführer Yannick Jadot inzwischen zu einer Art „Sekte“ verkommen sei. Seinem „guten Freund“ Jadot warf er ziemlich offen ein selbstherrliches Auftreten vor, das ihn an das Gebaren der Kirche erinnere. Demonstrativ warb Cohn-Bendit für die Liste Renaissance von Präsident Emmanuel Macron; nur mit ihm seinen Reformen in Frankreich möglich.

Diese Einschätzung wurde bei den Europawahlen allerdings von überraschend vielen Wählern nicht geteilt, sie gaben ihre Stimme trotzdem den Grünen. Nach dem ersten Erstaunen machen sich die Kommentatoren nun an Erklärungsversuche. Alle erinnern sich, dass seit Monaten junge Menschen für das Klima auf die Straße gehen und ihre Forderungen offensichtlich nicht von den etablierten Parteien vertreten sehen. Zu Hauf werden auch Wahlanalysen zu Rate gezogen, die allerdings wenig Erstaunliches zu Tage fördern: die meisten Wähler der Grünen sind jung und wohnen in den großen Städten, vor allem in Paris und den Technikzentren Toulouse und Grenoble.

Die französischen Grünen bereiten sich unterdessen auf Größeres vor. Yannick Jadot sieht gar eine grüne Welle auf Europa zukommen, von der Europe Écologie profitieren soll. „Wir arbeiten an einem mächtigen Projekt mit den zentralen Themen Ökologie und Solidarität“, erklärt der Chef der Grünen. Das nächste Ziel seien Erfolge bei den Kommunal- und Regionalwahlen – und dann bei den Präsidentenwahlen 2022. Auf diesem Weg wollen sie Lehren aus dem Sieg von 2009 ziehen – und können sich einen Seitenhieb auf den damaligen Sieger nicht verkneifen. Daniel Cohn-Bendit sei ein Mann der Geistesblitze gewesen, aber niemand, der einen Parteiapparat aufbauen und lenken konnte, lautet das vernichtende Urteil. Also machen sich die neuen Chefs nun daran, eine funktionierende Struktur aufzubauen, um das große Ziel zu erreichen. Im Taumel des Erfolges lassen die Grünen keinen Zweifel daran aufkommen, dass ihnen die politische Zukunft gehört.