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Großbritannien will Einwanderung mit Punktesystem regulieren

Punktesystem soll Einwanderung regulieren : Großbritannien will nur noch die Besten

Im vergangenen Jahr verrottete ein Drittel der Osterglocken auf den Feldern von Jeremy Hosking. Der Bauer nahe des Städtchens Truro im schönen Südwesten Cornwalls fand schlichtweg nicht genügend Pflücker zur Erntezeit.

„Es war ein Desaster“, resümierte er. Obwohl das Königreich bis zum 31. Januar dieses Jahres noch Mitglied in der EU war, kamen bereits 2019 deutlich weniger vor allem osteuropäische Saisonarbeiter vom Kontinent auf die Insel – zum einen wegen des schwachen Pfunds nach dem Brexit-Votum, so Hosking. Zum anderen „fühlen sie sich nicht mehr willkommen“.

Die gerade vorgestellten Pläne der britischen Regierung zur Reform des Immigrationssystems dürften den Farmer noch sorgenvoller in die Zukunft blicken lassen. Denn das Königreich will nach dem Ende der Übergangsfrist die Zahl gering qualifizierter Einwanderer senken und stärker auf Fachkräfte aus dem Ausland setzen. Ab dem 1. Januar soll ein punkteorientiertes System nach australischem Vorbild greifen – „ein historischer Moment“, feierte Innenministerin Priti Patel den geplanten Umbau. Man wolle künftig „nur noch die Klügsten und Besten“, so die Konservative. „Wir beenden die Freizügigkeit, holen uns die Kontrolle über unsere Grenzen zurück und kümmern uns um die Prioritäten der Menschen.“ Handelt es sich tatsächlich um eine Priorität der Briten?

Tatsächlich war Immigration das schlagende Argument der Brexit-Kampagne im Vorfeld des Referendums 2016. Seit dem Votum aber fristete das Thema ein Schatten-Dasein, sowohl in der konservativen Presse als auch auf der politischen Bühne oder der öffentlichen Diskussion. Die Hardlinerin Patel rückt es wieder ins Scheinwerferlicht. Künftig muss ein Zuwanderer mindestens 70 Punkte für ein Arbeitsvisum erreichen. Wer ein Jobangebot von einer Firma auf der Insel hat, erhält dafür 20 Punkte. Geht es um einen Arbeitsplatz mit einem bestimmten höheren Qualifikationsniveau, gibt es weitere 20 Punkte. Gute Englischkenntnisse bringen 10 Punkte und nochmals 20 werden für ein Jahresgehalt ab 30 000 Euro angerechnet. Für sogenannte Engpassberufe wird die Schwelle auf knapp 25 000 Euro gesetzt. Dazu gehören Kranken- und Altenpflegepersonal, Ingenieure und Physiker. Wissenschaftler sollen ebenfalls mit geringem Gehalt ein Visum bekommen können.

Man will letztlich EU-Bürger und Antragsteller aus anderen Teilen der Welt auf gleiche Art behandeln. Um Bauern wie Jeremy Hosking zu beruhigen, wird für dieses Jahr das Kontingent für Saisonarbeiter als Erntehelfer in der Landwirtschaft von 2500 auf 10 000 erhöht. Allerdings müssen die Arbeitskräfte nach ihrem Einsatz das Land sofort wieder verlassen. Ohnehin dürfte die Sonderregelung die Sorgen der Farmer vor faulendem Obst, Gemüse und Blumen auf ihren Feldern kaum lindern. Sie fürchten vielmehr das „feindselige Umfeld“, das potenzielle Bewerber aus dem Ausland abschreckt.

Davor warnte auch die oppositionelle Labour-Partei, die betonte, es werde in Zukunft schwer werden, überhaupt Arbeitskräfte zu rekrutieren. Bereits jetzt zeichnet sich ein Notstand in einigen Branchen ab, etwa in der Altenpflege, im Gastronomie- und Hotelgewerbe oder auf Baustellen, wo oft zeitlich begrenzte und niedrigqualifizierte Kräfte gebraucht werden.

Im Zentrum der Krise steht der staatliche Gesundheitsdienst. Zehntausende Pfleger und Ärzte fehlen schon heute und über die Anordnung von Premierminister Boris Johnson, mehr Personal auszubilden, können Experten nur den Kopf schütteln. Nicht nur, dass das Jahre dauern würde. Auch ein Plan fehlt bislang.