Fastenbrechen in der Türkei: Mit der „Tafel auf der Erde“ gegen Erdogans Prunk und Pomp

Fastenbrechen in der Türkei : Mit der „Tafel auf der Erde“ gegen Erdogans Prunk und Pomp

Kritische Muslime in der Türkei protestieren mit Fastenbrechen-Picknicks gegen die aufwendigen Empfänge der Regierungspartei. Diese reagiert mit Schlagstöcken.

In einem kleinen Park am asiatischen Ufer des Bosporus in Istanbul legen ein paar junge Leute kurz vor Sonnenuntergang Teppiche und Decken auf dem Gras aus und fügen sie zu einem langen Streifen zusammen. Je tiefer die Sonne sinkt, desto mehr Menschen kommen in den Park: Männer in Arbeitskluft oder im Anzug, Frauen mit Kopftuch oder ohne, Studenten mit Rucksäcken, auch ein paar Kinder sind dabei. Die Ankommenden kauern sich ohne lange Umstände an die Picknicktafel im Gras, packen mitgebrachte Speisen aus und legen sie auf der Decke aus, um sie mit den Umsitzenden zu teilen.

Iftar heißt die Abendmahlzeit, mit der Muslime im Ramadan ihr tägliches Fasten brechen. Traditionell wird diese Mahlzeit mit Familie und Freunden eingenommen, doch in der Türkei wird Iftar seit dem Antritt der islamischen Regierungspartei AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan oft mit Prunk und Pomp als gesellschaftliches und politisches Ereignis zelebriert. Gegen diesen Trend protestieren kritische Muslime im Ramadan mit kollektiven Fastenbrechen-Picknicks wie in dem kleinen Park am Bosporus. Ihre sogenannte „Tafel auf der Erde“ setzen sie demonstrativ dem Luxus entgegen, in dem die nominell islamische Regierung bei ihren aufwendigen Empfängen zum Fastenbrechen schwelgt.

Teilen, Toleranz und Bescheidenheit – das sei der wahre Geist des Fastenbrechens im Islam, erzählt ein Teilnehmer. In der islamischen Kultur gebe es eigentlich keine Trennung zwischen Arm und Reich, aber diese Tradition sei von der AKP zerstört worden. Doch mittlerweile gebe es Iftar-Empfänge, bei denen ein Gedeck mehr koste, als ein Arbeiter im Monat verdiene. „Davon haben viele Leute die Nase voll, und auch von der Polarisierung zwischen frommen und säkularen Türken. Wir setzen uns hier alle zusammen zum Essen, um dem etwas entgegenzusetzen.“

Bedri heißt der Mann, er arbeitet bei einer Telekommunikationsfirma und hat als frommer Moslem den ganzen Tag gefastet. Ihm gegenüber sitzt Sibel, eine 56-jährige Übersetzerin von Romanen, die nicht gläubig ist und im Ramadan nicht fastet. Sie fühlt sich dennoch willkommen:  Bei der „Tafel auf der Erde“ gibt es keine Sponsoren, keine formellen Einladungen, keine Sitzordnung und kein Eintrittsgeld. Manche bringen Selbstgekochtes mit, andere kaufen Datteln, Gebäck oder Obst im Supermarkt und legen es auf die Picknick-Decken. Alles wird geteilt.

Die Protestaktion ist zur Ramadan-Tradition geworden, seit eine Gruppe kritischer Muslime im Jahr 2011 damit begann. „Da haben wir uns vor einem Luxushotel in Istanbul auf den Boden gesetzt, Zeitungspapier ausgebreitet und zum Fastenbrechen ein paar Datteln, Wasser und ein Stück Käse geteilt – so hat das begonnen“, erinnert sich Mitbegründer Ihsan Eliacik, ein islamischer Theologe.

Richtig Fahrt nahm die Aktion im Jahr 2013 bei den Gezi-Protesten auf. Beim Ramadan in jenem Sommer erschienen zu einer Tafel auf dem Galatasaray-Platz unweit vom Gezi-Park in Istanbul rund 15 000 Menschen. Seit dem Gezi-Jahr 2013 ist es zur Tradition geworden, dass der Ramadan mit einer Tafel auf dem Galatasaray-Platz im Herzen von Istanbul beginnt – doch in diesem Jahr kam es anders. Mit Schlagstöcken prügelte die Polizei am ersten Abend des Fastenmonats die Menschen auseinander, die ihre Teppiche und Decken in der Fußgängerzone auslegen wollten. Ihsan Eliacik wurde von Polizisten niedergeworfen, über das Pflaster geschleift und abgeführt.

Die Regierung verbietet schon länger alle Veranstaltungen auf dem Galatasaray-Platz, weil sie Massenproteste unterbinden will. Vor der „Tafel auf der Erde“ fürchte sich die AKP aber ganz besonders, sagt Eliacik. Als Verräter gelte er Anhängern der AKP deshalb, sagt Eliacik. Dabei sei er es doch, der im wahren Sinne des Glaubens handele. „Wenn wir weiterkommen wollen als Gesellschaft, dann müssen wir zusammen reden können. Mit der Tafel auf der Erde versuchen wir das zumindest im Ramadan. Wir sagen: ‚Kommt, wir setzen uns zusammen und reden, Fromme und Atheisten, Rechte und Linke – das ist unsere Botschaft.‘“

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