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Die Briten, die Wahl und „das kleinere Übel“

Vor der Großbritannien-Wahl : Die Briten, die Wahl und „das kleinere Übel“

In einem Städtchen im Norden Londons hat die Labour-Partei von Jeremy Corbyn Großes vor: Den Tory Boris Johnson verhindern. Doch nicht nur das wird schwierig. Ein Tag im Brexit-Chaos-Land.

Der Tag, an dem Ali Milani Geschichte schreiben will, fällt auf einen Donnerstag. Dann, am 12. Dezember, stimmen die Menschen im Königreich über ein neues Parlament ab. Dann plant der Brite, zum ersten Mal in der jüngeren Historie des Landes den amtierenden Premierminister des Königreichs indirekt aus dem Amt zu werfen – indem er ihn als Abgeordneter für den Wahlkreis Uxbridge und South Ruislip ablöst und für die Labour-Partei ins britische Unterhaus einzieht.

An diesem Tag Ende November deutet nichts auf Geschichtsbücher hin, aber immerhin versammeln sich rund 40 Unterstützer von Milani vor dem Bürgerzentrum im Städtchen Uxbridge. Häuserwahlkampf, wie fast jeden Tag. Der westliche Vorort Londons ist Mittelklasse, im guten Sinne, geringe Arbeitslosenquote, wirtschaftlich stabil, der Müll wird pünktlich abgeholt. Und es ist die Endstation der Piccadilly Line der Londoner Underground, äußerster Rand der britischen Metropole also.

Die Aktivisten hoffen, dass es im Dezember auch die Endstation für Boris Johnson sein wird. Es wäre beispiellos, wenn ein Premierminister seinen Wahlkreis nicht halten kann. Glaubt man Milani, stehen die Chancen keineswegs schlecht. Für Außenstehende scheint es eher ein Ding der Unmöglichkeit. Hier der eher ruppige 25-Jährige, der mit fünf Jahren aus dem Iran nach London kam, in einer Sozialwohnung aufwuchs und sich nun als „echter lokaler Abgeordneter“ bewirbt. Dort das blonde, extrovertierte und um keinen Witz verlegene Chamäleon, als das Boris Johnson bei vielen gilt.

Der Wahlkreis, für den der 55-Jährige seit 2015 im Parlament sitzt, ist eine klassische Tory-Hochburg. Doch 2017 gewann Johnson lediglich mit 5034 Stimmen Vorsprung. Deshalb gehört die Gegend zu jenen Zielen der Opposition, in denen bekannte Kabinettsmitglieder der Konservativen abgesetzt werden sollen. Nicht nur der Brexit-Obercheerleader Johnson muss um seinen Sitz bangen.

Eine, die Milani unterstützt, ist Catherine aus Berwick-upon-Tweed im Norden Englands, die ihre Tochter Anne in Uxbridge besucht. Wahlkampf als Familienausflug. Anne steht etwas abseits der Unterstützer-Gruppe und flüstert, dass sie nach zehn Jahren bei den Sozialdemokraten vor einem Jahr ausgetreten ist. „Ich bin schlicht desillusioniert von der Politik“, sagt die 39-Jährige und erinnert an die unzähligen Parlaments-Dramen um das leidvolle Thema Brexit. An das Chaos und Gezeter bei Labour, bei den Tories, bei allen. Der Brexit, er hat das Land zermürbt.

Der Tross um Milani erhält ein kurzes Briefing seines Wahlkampf-Helfers. Am Ende ruft dieser: „Es spielen sich in Uxbridge bemerkenswerte Szenen ab.“ Nun mögen Beobachter meinen, dass an diesem Tag vor allem das Wetter bemerkenswert ist. Bemerkenswert miserabel. November in England. Statt besinnlicher Vorweihnachtszeit herrscht Wahlkampf. Meist abends, in der Kälte, wenn die Wähler vor allem ihre Ruhe auf dem Sofa haben wollen. Die Geschichte hat etwas Deprimierendes.

Ohnehin scheinen die Bemühungen der Opposition bislang nicht fruchten zu wollen. In den Umfragen liegen die Tories klar vorn. Laut einer aktuellen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov würden die Konservativen derzeit 359 von den insgesamt 650 Sitzen gewinnen, Labour nur 211 – und damit 51 weniger als zuletzt. Die Schottische Nationalpartei (SNP) käme auf 43 Sitze, die Liberaldemokraten auf 13.

Boris Johnson gilt bei seinen Kritikern seit Jahren als Unruhestifter, als Clown, als Politiker, der eine ganz eigene Auslegung der Wahrheit hat. Trotzdem deutet alles darauf hin, dass er für die Tories nun die absolute Mehrheit holt. Wie kann das sein? Liegt es allein an der Schwäche der Opposition, die tief über den Brexit-Kurs zerstritten ist und mit Jeremy Corbyn den unbeliebtesten Labour-Chef aller Zeiten präsentiert? „Die Konservativen haben gute Arbeit darin geleistet, so zu tun, als werde die Sparpolitik nun vorbei sein“, erklärt Politikwissenschaftler Tim Bale von der Queen Mary Universität in London. Genauso hätten sie es geschafft, den Menschen zu verkaufen, dass nur mit ihnen an der Spitze der Brexit vollzogen würde. Es ist das Hauptverkaufsargument von Boris Johnson, das er mantrahaft wiederholt. Das kommt beim Brexit-frustrierten Volk an.

Das mit Brüssel ausgehandelte Abkommen, das noch vor nicht allzu langer Zeit als Verrat an der nordirischen Unionistenpartei DUP betrachtet worden wäre, verkaufen die Tories jetzt als „fantastischen Deal für das Königreich, für den Johnson gepriesen werden sollte“, sagt Bale. Verkehrte Welt auf der Insel, wieder einmal. Dabei ist auch Johnson nicht beliebt bei den Briten, aber eben weniger unpopulär als sein Widersacher Jeremy Corbyn. „Es ist kein Schönheitswettbewerb, es ist ein hässlicher Wettkampf“, sagt Bale. Die Leute hätten nur wenig Vertrauen in beide, aber könnten sich Johnson zumindest als Premier vorstellen – was vor allem daran liege, dass er aktuell amtiere. Hinzukomme, dass sich die Tories auf fünf bis sechs Versprechen beschränken, die sie den Menschen auf allen Kanälen einhämmern, während Labours Manifesto „mit 1001 Zusagen gefüllt ist, die die Wähler nicht unbedingt erreichen“.

Zurück in Uxbridge. Ali Milani und sein Team beginnen den Häuserwahlkampf in der Bridge Road, wo sich verwechselbare Backsteinbauten unter die tiefstehenden Wolken ducken. Erstes Haus rechts, Milani klopft. Ein lebenslanger Labour-Wähler öffnet, reckt den Daumen nach oben und ruft Milani nach kurzem Smalltalk zu: „Viel Glück! Du wirst es brauchen.“ Tatsächlich bahnt sich eine krachende Niederlage an. Nicht nur, dass Corbyn die Partei weit nach links – für viele zu weit – gerückt hat, auch die Kritik an seinem Umgang mit den Antisemitismus-Vorwürfen wird täglich lauter. Diese Woche griff der britische Chef-Rabbiner Ephraim Mervis den linken Oppositionsführer scharf an. Der Vorwurf, unter Jeremy Corbyn würde ein linker Antisemitismus bei Labour toleriert, ist nicht neu, genauso wenig wie die Reaktion des Oppositionsführer darauf. Während eines Interviews diese Woche wurde der 70-Jährige gefragt, ob er sich für den Antisemitismus in seiner Partei entschuldige. Corbyn tat es nicht, auch nicht nach der vierten Nachfrage. Er beteuerte stattdessen, Labour verurteile strikt jedweden Rassismus und Antisemitismus. Jüdische Mitglieder wenden sich in Scharen von Labour ab, Abgeordnete verlassen verbittert die Partei, Wähler schütteln den Kopf. Und dann wäre da noch das wichtigste Thema der britischen Nachkriegszeit: der Austritt des Königreichs aus der EU. Aber wenn alle über den Brexit sprechen, würde Corbyn am liebsten schweigen. Er weigert sich bis heute, sich auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Stattdessen verspricht die größte Oppositionspartei einen neuen Deal mit Brüssel und dann eine erneute Volksabstimmung, bei der auch der EU-Verbleib auf dem Zettel stehen soll.

Der Herausforderer: Jeremy Corbyn, hier im Wahlkampf in einem Restaurant-Schiff. Der 70-Jährige ist der unbeliebteste Labour-Chef aller Zeiten und hat Umfragen zufolge kaum Chancen auf einen Wahlsieg. Foto: dpa/Joe Giddens

Eine Abneigung gegen Corbyn spürt Wahlkämpfer Milani auch in Uxbridge. „Ich habe immer Labour gewählt, aber würde niemals für Corbyn stimmen“, sagt Anwohnerin Audette. „Boris ist das kleinere Übel. Er kann ein Idiot sein, aber er ist nicht dumm“, sagt die 58-Jährige. Corbyn dagegen sei ein Kommunist und gefährlich. Sie findet auch den Brexit gut, wie viele in dem Wahlkreis, wo 2016 eine Mehrheit für den EU-Austritt gestimmt hat. Das ist allein deshalb ungewöhnlich, weil Uxbridge im Grunde London ist, das Kerngebiet der Pro-Europäer. Aber die haben es in den letzten Wochen nicht geschafft, eine Allianz zu bilden. Die Liberal-Demokraten schimpfen auf Labour. Labour schimpft auf die Liberal-Demokraten. Und so geht das immer weiter, während sich Johnson über die Machtkämpfe in der Opposition freut. Er scheint sich seines Sieges sicher.