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Der Fall McNeil stürzt die New York Times in eine Identitätskrise

Rassismus-Debatte : Der Fall McNeil stürzt die New York Times in eine Identitätskrise

Ein Redakteur musste die Zeitung verlassen, nachdem er sich auf einer Pressereise rassistisch geäußert haben soll. Daraus ist ein Richtungsstreit entbrannt.

Im April vor einem Jahr, als fast alles eintrat, was er vorausgesagt hatte, sei er in der öffentlichen Wahrnehmung der düstere Prophet der Seuche gewesen, schreibt Donald McNeil Jr. Im Oktober dann, als er am Horizont die ersten Impfstoffe sah, sei er als dunkler Prophet mit optimistischer Ader charakterisiert worden. Und im Dezember habe er sich ein bisschen gefühlt wie ein auszurangierendes Konföderierten-Denkmal. „Ich denke, so langsam haben die Leute genug von mir. Sie warten darauf, dass ich einen Fehler mache, sodass sie mich runterziehen und auf mir herumtrampeln können.“

Vor wenigen Tagen hat McNeil, in der Redaktion der New York Times (NYT) lange Zeit zuständig für das Gesundheitswesen, auf der Online-Plattform Medium geschildert, wie er das zurückliegende Jahr erlebte – nämlich als wilde Fahrt auf der Achterbahn. 1976 fing er bei der NYT an, bei der Gray Lady, der Grauen Dame, wie man sie wegen ihres hochseriösen, zugleich spröden Erscheinungsbilds nannte. Später wurde er Auslandskorrespondent, wechselte dann ins Gesundheitsressort. Mit seiner Erfahrung und seinen Kontakten zu Virologen wurde er so etwas wie der Anker der Corona-Berichterstattung. Sars-Cov-2, warnte er am 27. Februar 2020, werde sich zu einer globalen Katastrophe ausweiten. Damit war er der allseits anerkannte Prophet der Krise – bis er vor einem Monat seinen Hut nahm, nachdem ihm die Chefredaktion Letzteres nahegelegt hatte.

Die De-facto-Entlassung hat weder mit seinen Artikeln noch mit seinem Alter zu tun. Dem 67-Jährigen wurde zum Verhängnis, dass er auf einer der Bildungsreisen, wie sie die Times ihren Lesern anbietet, das Schimpfwort „Nigger“ benutzte. Im Sommer 2019 begleitete er eine Gruppe von Schülern nach Peru. Es ging um indigene Traditionen und Gesundheitsfürsorge im ländlichen Raum. Die Eltern der Teenager hatten tief in die Tasche gegriffen, der zweiwöchige Trip kostete pro Person fast 6000 Dollar. Danach gingen bei der NYT Beschwerden über den Journalisten ein. Von mangelndem Respekt für andere Kulturen war die Rede, vor allem aber davon, dass er das diskriminierende N-Wort benutzte. In Peru hatte man darüber diskutiert, ob es richtig war, eine seinerzeit zwölfjährige Schülerin, die es gebrauchte, vom Unterricht zu suspendieren. McNeil fragte, in welchem Zusammenhang sie es verwendet habe, ob sie rappte, einen Buchtitel zitierte oder es tatsächlich beleidigend meinte. Einige der Teenager, unterstützt von ihren Eltern, nahmen ihm übel, dass er sich dabei selbst des diskriminierenden Begriffs bediente.

In New York entschied Dean Baquet, der erste schwarze Chefredakteur in der Geschichte der Grauen Dame, dem Reporter eine „zweite Chance“ zu geben, da er das N-Wort nicht in böswilliger Absicht wiedergegeben habe. Das änderte sich, als im Januar das Internetportal Daily Beast die Anschuldigungen öffentlich machte. 150 Redakteure der NYT schrieben einen Brief an den Herausgeber, um genauere Untersuchungen sowie eine Entschuldigung McNeils zu verlangen. Der bat daraufhin um Verzeihung, was aber nichts daran änderte, dass ihm die Chefetage empfahl, eigene Wege zu gehen. „Wir tolerieren keine rassistischen Sprüche, unabhängig von der Absicht“, sagte Baquet. Im Übrigen habe McNeil das Vertrauen der Redaktion verloren.

In seinem bei Medium veröffentlichten Essay fragt der Geschasste Wochen später mit sarkastischem Unterton, ob sein Rausschmiss – mit den Worten eines Magazins – tatsächlich „das Ende der Arschloch-Ära“ bei der NYT markiere. Und ob er in Peru mit neugierigen Schülern diskutiert habe. Oder mit Privilegierten, die ein Studium an einer Elite-Uni anpeilten und ihren Lebenslauf noch ein wenig „aufpolieren“ wollten. Ben Smith, der Medienkolumnist des Blatts, stellt andere Fragen. „Ist die Times die führende Zeitung für gleichgesinnte, zur Linken tendierende Amerikaner? Oder versucht sie die Mitte zu halten, die scheinbar verschwindende Mitte in einem zutiefst gespaltenen Land?“ Die gerade in der Trump-Ära rasant gestiegene Zahl von Digitalabonnenten, orakelt Smith, könnte zur Folge haben, dass man sich den Ansichten links denkender Leser stärker verpflichtet fühlt. Dass man sich in eine engere politische Fahrbahn drängen lässt, statt wie bisher peinlich genau auf parteipolitische Unabhängigkeit zu achten.

Tatsächlich hat die Marke NYT die Zeitungskrise bestens gemeistert. 2014 hatte sie rund zwei Millionen Abonnenten. Heute sind es mehr als sieben Millionen, wobei das Plus ausschließlich auf einen Zuwachs im Digitalen zurückgeht. Donald Trump erwies sich als Glücksfall für das Blatt, gegen das er hemmungslos wetterte. Auch wenn er ihm in Wahrheit größte Beachtung schenkte, symbolisiert es in seinen Augen doch jene New Yorker Elite, die ihn, den Angeber aus Queens, nie wirklich akzeptierte, obwohl er so gern dazugehört hätte. In seinen vier Jahren im Weißen Haus hat sich die Zahl der Leser verdoppelt – auch weil viele in der New York Times das Flaggschiff publizistischen Widerstands gegen Trump sahen.