1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Ausland

Buch „Deaths of Despair“: „Tode der Verzweiflung“ in der weißen US-Arbeiterschicht

Buch „Deaths of Despair“ : „Tode der Verzweiflung“ in der weißen US-Arbeiterschicht

In einem Buch beschreiben zwei Ökonomen tiefgreifende Probleme, die zu einer niedrigeren Lebenserwartung in der „White working class“ führen.

Wer zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten zur Welt kam, konnte dem statistischen Durchschnitt nach erwarten, 49 Jahre alt zu werden. Seine Urenkel, geboren zu Beginn des 21. Jahrhunderts, durften dann schon von 77 Jahren bis zu ihrem Tod ausgehen. Abgesehen von kurzzeitigen Ausnahmen, etwa während des Ersten Weltkriegs und infolge der Spanischen Grippe, sei es stetig aufwärts gegangen, konstatieren die Ökonomen Angus Deaton und Anne Case. Vor zwei Dekaden jedoch habe sich der Trend für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, für weiße Amerikaner mittleren Alters, dramatisch umgekehrt. Nicht nur, dass ihre Lebenserwartung nicht mehr stieg. Sie fiel sogar, „nach einem Muster, wie man es fast nirgends sonst auf der Welt erlebte“.

Deaton wurde 2015 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Auch Case, seine Frau, ist Ökonomin. Beide forschen an der Universität Princeton, beide haben ausdauernd Feldforschung betrieben, im Rust Belt ebenso wie in den Rocky Mountains, etwa in Montana. Nicht zuletzt ging es ihnen darum, das Phänomen Trump zu verstehen. Antworten auf die Frage zu finden, warum der milliardenschwere Geschäftsmann ausgerechnet von so großen Teilen der weißen Arbeiterschaft gewählt wurde, dass er im Weißen Haus einziehen konnte. Das Buch, mit dem das Ehepaar für Furore sorgt, handelt von der Krankheit, deren Symptom Donald Trumps Präsidentschaft ist.

„Deaths of Despair“ lautet der Titel. Tode der Verzweiflung, erläutern Deaton und Case, das habe sich angeboten als Sammelbegriff. Gemeint sind die wachsende Zahl von Suiziden, von Überdosen an Drogen, von Alkoholismus. Am stärksten betroffen ist das, was die beiden die „White working class“ nennen, immerhin 70 Prozent aller Amerikaner mit heller Haut. Es sind Leute, die kein College besucht haben und heute oft nur schlecht bezahlter Tätigkeit nachgehen, sich häufig von einem Job zum nächsten hangeln, häufig ohne die Krankenversicherung, die meist der Arbeitgeber für seine Beschäftigten abschließt. Die Fabriken, in denen sie sich ins Zeug legten, gibt es nicht mehr. Mit den Fließbändern sind nicht nur relativ stabile Arbeitsverhältnisse verschwunden, sondern auch der Stolz darauf, dass man „Working class“ war, zudem auf dem Sprung in die aufstrebende Mittelschicht, mit der sich etliche ohnehin identifizierten.

Am stärksten trifft es die 45- bis 54-Jährigen. Seit Ende der Neunziger ist die Sterblichkeitsrate in dieser Altersgruppe um ein Viertel gestiegen, aber eben nur bei weißen Amerikanern ohne Uni-Abschluss, während sie für jene mit Hochschuldiplom um 40 Prozent zurückging. „Wenn die Arbeit zerstört wird, kann die Arbeiterklasse nicht überleben“, bringen es die Autoren auf den Punkt. „Es bedeutet den Verlust von Würde, von Stolz, von Selbstachtung. Ehen zerbrechen, die Gemeinschaft leidet. Das, und nicht nur oder nicht einmal in erster Linie der Verlust von Geld, führt zur Verzweiflung.“ Politisch war es Donald Trump, der von der Untergangsstimmung profitierte. „Dass er gewählt wurde, ist mit Blick auf die Umstände verständlich. Es ist aber auch ein Ausdruck eines Frusts und einer Wut, die nichts besser machen, sondern alles nur schlimmer.“

Der Trend fällt zusammen mit dem Ausbruch der Opioid-Krise, der inflationären Verschreibung von Schmerzmitteln, die Millionen von Menschen abhängig werden ließ. Opioide aber, betonen Deaton und Case, stünden allen Bevölkerungsgruppen in gleichem Maße zur Verfügung. Auch der Ansatz, es mit um sich greifender Armut zu begründen, greife zu kurz. Schwarze und Latinos seien im Durchschnitt noch immer ärmer als Malocher mit weißer Haut, auch wenn die Lücke kleiner werde. Und während Bundesstaaten am unteren Ende der Einkommenspyramide, Arkansas oder Mississippi, eine flachere Kurve beim Anstieg der Überdosis-Toten zu verzeichnen haben, zeigt sie in wohlhabenderen Staaten steiler nach oben, beispielsweise in Florida, Maryland, New Jersey und Maine.

Was also sind die Ursachen sinkender Lebenserwartung, wenn das Überangebot an Schmerzmitteln oder Armut allein noch nichts erklären? Folgt man dem Duo aus Princeton, hat es damit zu tun, dass Weiße, die kein College besucht haben, am ratlosesten auf die radikalen Veränderungen reagieren, die ihre Lebenswelt aus den Angeln heben. Weiße Arbeiter hätten den Wandel psychologisch am schlechtesten verkraftet, weil ihre Erwartungen anfangs so viel höher gewesen seien als die von Schwarzen oder Hispanics. Der Niedergang der Gewerkschaften, in denen sie einst organisiert waren, hatte bei Gehaltsverhandlungen eine Position der Schwäche zur Folge – was das Realeinkommen von 1979 an sinken ließ. Und überhaupt, die Institutionen, die der „White working class“ Halt gaben, das Gewerkschaftslokal, die Kirche, die Kegelbahn, hätten sich als weitgehend ineffizient erwiesen angesichts der tektonischen Plattenverschiebungen der globalen Wirtschaft.

So euphorisch vor Corona vom Boom der US-Wirtschaft die Rede war, in der Realität der Arbeitswelt schlug es sich für viele zu keiner Zeit positiv nieder. Hatten Ende der Sechziger bis auf fünf Prozent alle erwerbsfähigen Männer zwischen 25 und 54 einen Job, so ging nach dem Absturz der Finanzkrise ein Fünftel keiner Erwerbstätigkeit nach. Im Jahr 2018, in Zeiten, in denen der Wirtschaftsmotor brummte, waren es in dieser Altersgruppe noch immer 14 Prozent, die keine Arbeit hatten. Viele hatten aufgegeben, danach zu suchen.