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Boris Johnsons Krisenmanagement gerät unehmend in die Kritik

Corona-Krise : Johnson gerät zunehmend in die Kritik

Großbritannien hat Italien in der Rangliste als das am stärksten von der Pandemie betroffene Land Europas abgelöst. Warum starben so viele auf der Insel?

Am Tag, als Großbritannien zum „kranken Mann Europas“ wurde, hätte man erwartet, dass es der Aufschrei und die Bestürzung auf alle Titelseiten des Landes schaffen. Immerhin hatte das Königreich bei den bestätigten Corona-Todesfällen Italien überholt und ist nun mit mehr als 30 000 Menschen, die nach einer Infektion mit dem Coronavirus starben, das in Europa am schlimmsten von der Pandemie betroffene Land. Die tatsächliche Zahl dürfte weitaus höher liegen. So zeigen Daten der nationalen Statistikbehörde ONS, dass seit Mitte März über 42 000 Menschen mehr gestorben sind als in normalen Jahren. Doch die konservative Presse entschied, an jenem traurigen Mittwoch lieber die Affäre von „Professor Lockdown“, Neil Ferguson, prominent zu spielen. Der Epidemiologe am Londoner Imperial College gehörte zum Beraterteam der Regierung, als sie die strengen Maßnahmen empfahl. Nur hielt sich Ferguson persönlich nicht immer an die Kontaktsperre, sondern traf sich wiederholt mit seiner Geliebten. Er musste zurücktreten. Handelte es sich bei der Enthüllung ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt um ein Manöver der Tory-freundlichen Medien, um von dem traurigen Rekord abzulenken, wie einige mutmaßten?

Auch wenn die Umfragewerte von Premierminister Boris Johnson gut sind und eine deutliche Mehrheit der Briten das Vorgehen der Regierung laut Meinungsforschungsinstitut Opinium noch immer befürwortet, nimmt die Kritik am Krisenmanagement zu. „Wie um alles in der Welt kam es dazu?“, fragte der neue Oppositionschef der Labour-Partei, Keir Starmer, Johnson beim ersten Wortgefecht im Parlament. Während die Regierung im März, als Großbritannien bezüglich der offiziellen Infektionszahlen noch einige Wochen hinter anderen europäischen Staaten zurücklag, stolz auf die internationalen Vergleiche zeigte, will sie plötzlich von diesen nichts mehr wissen. Das Datenmaterial gebe es noch nicht her, Schlussfolgerungen zu ziehen, sagte Johnson. Er und seine Minister verweisen lieber auf die Unterschiede bei den Methoden bezüglich der Erhebung, der Bevölkerungszahl oder Altersstruktur – und zweifeln an der Qualität der Statistiken in anderen Ländern, obwohl Experten auf der Insel unaufhörlich kritisieren, dass auch im Königreich über viele Wochen lediglich die Todesfälle aus den Krankenhäusern in die offizielle Statistik eingingen. Verstorbene aus Alten- und Pflegeheimen wurden aufgrund des eklatanten Mangels an Tests weder überprüft noch mitgezählt. Bis heute steigt die Todesrate in entsprechenden Einrichtungen.

Johnson dagegen spricht von „unserem offensichtlichen Erfolg“, und in der täglichen Pressekonferenz werden regelmäßig die positiven Trends beschworen. Die Missstände wie etwa die noch immer unzureichenden Testkapazitäten oder den Mangel an Schutzausrüstung im nationalen Gesundheitsdienst NHS, der durch die jahrelange Sparpolitik unterfinanziert und schlecht auf die Pandemie vorbereitet war, bleiben. So schafft es das Land beispielsweise nicht einmal, die von der Regierung zu PR-Zwecken versprochene Marke von 100 000 täglich durchgeführten Tests zu erreichen. Warum haben im Königreich so viel mehr Menschen ihr Leben verloren, obwohl das Gesundheitssystem anders als in Italien nicht überwältigt wurde und man vergleichsweise mehr Zeit zur Vorbereitung hatte? Wer trägt Schuld an der Krise? Die Regierung habe „ernsthafte Fehler“ begangen, urteilt Starmer. „Sie war langsam bei der Verhängung des Lockdown, langsam beim Testen, langsam bei der Versorgung mit persönlicher Schutzausrüstung“, feuerte der Oppositionsführer dem Premier, der selbst schwer an Covid-19 erkrankt war, entgegen.

Die Regierung wirkt überfordert – und das seit Beginn der Pandemie, die von den Verantwortlichen offenbar massiv unterschätzt wurde. So zögerte Johnson lange mit strikten Maßnahmen, sorgte dagegen durch einen wochenlangen Schlingerkurs und unklare Botschaften für Verwirrung. Erst auf Druck der Bevölkerung ordnete er am 23. März eine Ausgangssperre an. Trotz der weiterhin alarmierenden Zahlen begann Johnson am Donnerstag, mit seinem Kabinett über eine schrittweise Lockerung der Beschränkungen zu beraten, nach denen die Menschen ihre Wohnungen derzeit kaum verlassen dürfen. Einen Fahrplan will der Premier am Sonntag vorstellen. Offenbar wird darüber nachgedacht, den Briten zumindest die Fahrt aufs Land für Spaziergänge und Picknicks zu erlauben sowie zu gestatten, dass sie nicht mehr nur einmal, sondern mehrmals pro Tag außerhalb des eigenen Heims Sport machen dürfen.