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Anthony Fauci: Der glaubwürdigste Virus-Bekämpfer der USA

Anthony Fauci : Der glaubwürdigste Virus-Bekämpfer der USA

Tritt Donald Trump im Briefing Room des Weißen Hauses an ein Mikrofon, was mittlerweile täglich geschieht, steht schräg hinter ihm ein schmächtiger Mann, den er mit seinem breiten Kreuz manchmal weitgehend verdeckt, je nachdem, aus welcher Perspektive man es sieht.

Anthony Fauci hält sich diskret im Hintergrund, bis eine Frage kommt, die nur ein Fachmann beantworten kann und er nach vorn gebeten wird. Bisweilen schaut er betreten zu Boden oder nestelt verlegen am Kragen, womit er signalisiert, dass er nicht einverstanden ist mit dem, was Trump gerade sagt. Er könne dem Präsidenten ja schlecht ins Wort fallen, kommentierte er die stillen Gesten neulich in einem Fernsehinterview. „Ich kann ja nicht vors Mikrofon springen und ihn zu Boden stoßen.“ Lieber versuche er, ihn bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zu korrigieren.

Ein Beispiel dafür hat er am Mittwochabend bei CNN geliefert. „Sie müssen realistisch sein und verstehen, dass Sie den Zeitplan nicht bestimmen. Das Virus bestimmt den Zeitplan“, sagte Fauci. Es gelte, sich flexibel der Realität anzupassen, statt gewissermaßen festzulegen, ab wann eine Normalisierung ins Auge zu fassen sei. Wem die Mahnung galt, brauchte er nicht zu erklären, das war auch so jedem klar. Geht es nach Trump, soll in weiten Teilen der USA bis Ostern wieder normales Leben einziehen. „Sie können keine willkürliche Entscheidung treffen, bevor Sie sehen, womit Sie es zu tun haben. Sie brauchen die Daten“, entgegnete Fauci.

Der 79-Jährige ist Mitglied der Corona-Taskforce des Weißen Hauses, ein drahtiger Typ, der einst Marathon lief. Skizziert er die Lage, tut er es in knappen Sätzen, was in auffälligem Kontrast zu Trumps oft ausschweifenden Monologen steht. Die Ruhe, die der Mediziner dabei ausstrahlt, hat zusätzlich Vertrauen geschaffen. Seinen Worten, zeigen aktuelle Umfragen, glaubt eine Mehrheit der Amerikaner eher als denen des Präsidenten – auch wenn Trumps Krisenmanagement heute nicht mehr so stark in der Kritik steht wie noch vor zwei, drei Wochen.

Seit 1984 leitet der Apothekersohn aus Brooklyn, New York, das National Institute of Allergy and Infectious Diseases. Er hat Ronald Reagan, der in Aids die „Rache der Natur an Schwulen“ sah, davon überzeugt, die Gefahr ernst zu nehmen. Als Reagans Stellvertreter George Bush 1988 bei einer Debatte der Präsidentschaftskandidaten gefragt wurde, wer sein Held sei, nannte er Fauci und fügte hinzu, dass die Moderatoren den Namen wahrscheinlich noch nie gehört hätten. Der Immunologe hat die Schweinepest, Ebola und Zika bekämpft. Bereits vor Wochen, als das Weiße Haus die Gefahr des Coronavirus noch verharmloste, riet er zu energischen Schritten.

Die USA müssten unbedingt mehr testen, forderte er, während Trump den akuten Mangel an Test-Kits noch mit blumigen Worten übertünchte. Bei einer Anhörung im Kongress redete Fauci Tacheles: Nein, das nationale Gesundheitssystem sei nicht gut vorbereitet auf diese Krise. Neulich warnte er nüchtern vor übertriebenen Hoffnungen, nachdem Trump von dem Anti-Malaria-Mittel Chloroquin geschwärmt hatte, das man doch sicher auch im Kampf gegen Corona einsetzen könne. „Die Antwort ist nein“, sagte Fauci auf die Frage, ob Chloroquin vor dem Virus schütze. Trump gründe seine Hoffnung auf Anekdoten, nicht auf klinische Tests.

Anderen hätte der Präsident, der es nur schwer erträgt, wenn ihm jemand öffentlich widerspricht, wohl längst den Stuhl vor die Tür gesetzt. Fauci dagegen lässt er gewähren. Trump braucht den obersten Seuchenbekämpfer des Landes, er hofft von dessen Glaubwürdigkeit zu zehren, wenn er gemeinsam mit ihm auf einem Podium steht.