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75 Jahre nach der Invasion in der Normandie: Der D-Day und der Preis des Friedens

75 Jahre nach der Invasion : Der D-Day und der Preis des Friedens

Ein Museum in Caen will nicht nur die Invasion in der Normandie vor 75 Jahren darstellen, sondern auch das Leben vor und nach dem Krieg.

Ein Satz ist Franck Moulin sehr wichtig. „Wir sind kein Kriegsmuseum“, sagt der stellvertretende Leiter des Mémorial de Caen. „Wir sind ein Friedensmuseum“. Was das bedeutet, wird nicht sofort ersichtlich. Im großen Eingangsbereich empfängt den Besucher ein Jagdflugzeug mit Tarnanstrich aus dem Zweiten Weltkrieg. Mit leicht nach unten geneigter Nase hängt es an der Decke, bereit zum Angriff. Kein Unterschied also zu den mehr als zwei Dutzend anderen D-Day-Museen in der Normandie, überall wird die Aufmerksamkeit der Besucher durch martialisches Kriegsgerät geweckt. Es ist wie eine Bestätigung dessen, was jeder aus unzähligen Filmen und Büchern über die verlustreiche Landung der Alliierten vor ziemlich genau 75 Jahren – am 6. Juni 1944 – an den Stränden im Norden von Frankreich kennt.

Erst allmählich, beim Gang durch das Museum in Caen, wird der Unterschied zwischen einem Kriegs- und einem Friedensmuseum deutlich, auf den Franck Moulin so außerordentlich viel Wert legt. Auf einer langen Spirale geht es zuerst einmal hinab in die düstere Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Europa ist nicht nur moralisch gebrochen, Millionen Tote sind zu beklagen, die Wirtschaft befindet sich im freien Fall und der Kontinent treibt, befeuert vom Dämon des Nationalismus, in die nächste Katastrophe.

Natürlich wird in dem Museum der Krieg mit all seinen Auswüchsen beschrieben, doch wichtig sind den Machern die ganz normalen Menschen in der Normandie, die jeden Tag um ihr Überleben kämpften. Was hieß für sie der „totale Krieg“, wie wirkte die Propaganda, wie lebten sie mit den Besatzern zusammen, welche Rolle spielte die Résistance? Deutlich wird auch: die Invasion beschränkte sich nicht auf den 6. Juni 1944 und die Tage und Wochen danach. Es dauert drei Monate, bis die Alliierten schließlich Caen von den Nazis befreien konnten. „Die Schlacht in der Normandie nach der Invasion war für die Menschen hier ein Trauma“, sagt Franck Moulin.

Diese Schilderung der Kriegszeit bildet die Basis für jenen Teil der Ausstellung, der die Einrichtung schließlich zu einem Friedensmuseum macht. „Ich kenne den Preis des Friedens“, lautete ein Motto des Gründers des Mémorial de Caen. Jean-Marie Girault hatte die infernalischen Bombardierungen am Ende des Krieges in Caen selbst miterlebt. Dadurch geprägt, trieb er als Bürgermeister der Stadt den Bau des Museums über viele Jahre voran. Am 6. Juni 1988 hatte er mit der Eröffnung des Gebäudes sein Ziel erreicht. Inzwischen besuchen über 650 000 Menschen pro Jahr das Museum.

Schon die Architektur des Gebäudes ist zu Stein gewordene Geschichte. Wie eine riesige, scheinbar unüberwindliche Mauer erhebt es sich seine Front auf einer kleinen Anhöhe über der Stadt. Der Eingang in das Museum wirkt wie eine Bresche in diesem Wall, durch die der Besucher schreitet. Die Symbolik ist offensichtlich: Der von den Deutschen errichtete Atlantikwall wird in der Normandie von den Alliierten durchbrochen, es ist der Anfang vom Ende des „Dritten Reiches“.

Nach der Eröffnung wurde das Museum ständig weiterentwickelt. So bildet inzwischen die Darstellung des Kalten Krieges einen wesentlichen Schwerpunkt der Ausstellungen. Dargestellt wird die Konfrontation der Systeme in Ost und West, der Wahnsinn der nuklearen Aufrüstung, die Auswüchse der Propaganda auf beiden Seiten. Aber auch in diesem Teil steht das normale Leben der Menschen im Mittelpunkt. In einem hochmodernen 360-Grad-Kino werden etwa Übungen von Schülern gezeigt, die sich im Fall eines Atombombenangriffs unter ihre Schulbänke werfen.

Geplant ist nun, den Fall der Mauer und die Erweiterung der Europäischen Union darzustellen. „Die EU ist ein gewaltiges Friedensprojekt“, sagt Franck Moulin. „Und wir wollen zeigen, wie wichtig das Zusammenwachsen des Kontinents für uns alle ist.“ Wichtig ist es ihm zu unterstreichen, dass es Frieden nicht gratis gibt, sondern dass es bedeutet, sich jeden Tag im Großen und im Kleinen zu engagieren.

Franck Moulin sieht das Mémorial de Caen als Ergänzung zu den Museen, die die Tage der Invasion der Alliierten nacherzählen und über die ganze Normandie verstreut sind. Doch er fragt sich, wie lang das Phänomen des D-Day-Tourismus noch anhalten wird. Es gebe nur noch wenige Veteranen und die Tourismus-Verantwortlichen in der Region rätseln, wie lange die jüngeren Angehörigen noch auf den Spuren ihrer Großväter oder Urgroßväter wandeln werden.

 Mehr als 650 000 Menschen besuchen jedes Jahr das Caen Mémorial Museum in der Normandie, das 1988 eröffnet wurde.
Mehr als 650 000 Menschen besuchen jedes Jahr das Caen Mémorial Museum in der Normandie, das 1988 eröffnet wurde. Foto: picture alliance / abaca/dpa Picture-Alliance / ABACA

Der ehemalige Offizier der französischen Armee Jean Lenoir führt seit einigen Jahren Besuchergruppen zu den Landungsstränden und erinnert sich an eine vielsagende Episode. Mit einer Gruppe aus den USA habe er im Sommer Omaha Beach besucht. Blauer Himmel, Sonne, im seichten Wasser tobten lautstark einige Kinder. Das brachte einen der US-Touristen mächtig in Rage: An dem Strand seien Männer gestorben, es sei ein Ort des Gedenkens. In der Besuchergruppe sei auch ein Veteran gewesen, der selbst noch an der Invasion teilgenommen habe. „Der hat dem Besucher ganz ruhig erklärt, dass seine Kameraden genau dafür gestorben seien, dass Kinder sorgenfrei am Strand toben können“, sagt Lenoir. Sie hätten ihr Leben nicht gegeben, um einen Friedhof zu hinterlassen, sondern Frieden und Freiheit zu bringen.