150 Jahr nach dem Bürgerkrieg: Sklaven-Nachfahren in den USA wollen Entschädigung

150 Jahre nach dem Bürgerkrieg : Sklaven-Nachfahren wollen Wiedergutmachung

Mehr als 150 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs wird in der US-Politik heftig über Entschädigungen für die Erben schwarzer Sklaven gestritten. Dabei geht es um mehr als nur um Geld.

Neulich auf Capitol Hill. Im Rayburn Building, einem jener Gebäude des amerikanischen Parlaments, die in ihrer Marmor- und Säulenpracht an römische Tempel denken lassen. Ein Unterausschuss des Repräsentantenhauses tagt, um über die Frage zu diskutieren, ob die Nachfahren schwarzer Sklaven für das von ihren Vorfahren erlittene Leid entschädigt werden sollten. Man hockt auf blauem Teppich vor Ta-Nehisi Coates, vor der Brust einen Fotoapparat, der zusammen mit der Pressekarte die Voraussetzung war, dass einem die Saalwächter überhaupt erst einen Platz auf dem Fußboden direkt vorm Zeugentisch zuwiesen. Und man ist im ersten Moment überrascht, wenn Coates zu sprechen beginnt. Mit einer sehr hellen, sehr hohen Stimme, wie man sie nicht erwartet hätte bei einem Menschen von seiner Statur – gut 1,90 Meter groß und kräftig gebaut.

Coates, 43, ist Journalist und Buchautor. Man hörte ihn bislang nur selten in der Öffentlichkeit reden. Zugleich ist er der Mann, der die Debatte über Reparationen mit seinen Recherchen erst in Schwung gebracht hat. So sehr, dass sich der Kongress erstmals ernsthaft mit einer Resolution beschäftigt, die ein mittlerweile ausgeschiedener Abgeordneter bereits vor drei Jahrzehnten eingebracht hat. John Conyers beantragte die Gründung einer Expertenkommission, die sowohl die Hinterlassenschaften der Sklaverei untersuchen als auch ein Procedere für eventuelle Entschädigungen entwickeln soll. Von 1989 an bis er sich 2017 zur Ruhe setzte, stellte der Volksvertreter aus Detroit alle zwölf Monate denselben Antrag, ohne dass das Parlament je darüber abgestimmt hätte.

Letzteres kann sich ändern. Mehr als 156 Jahre nach Inkrafttreten von Abraham Lincolns Emanzipationserklärung, die Sklaven aus den damals abtrünnigen Südstaaten die Freiheit garantierte, widmet sich die amerikanische Politik dem Thema mit einer Dringlichkeit, wie es nie zuvor der Fall gewesen war. Zumindest tun das die Demokraten, während es die Republikaner, von Ausnahmen abgesehen, mit Mitch McConnell halten. Was vor 150 Jahren geschah, wehrt dieser ab, dafür könne man keinen der heute Lebenden verantwortlich machen, weshalb er jeglichen Schadenersatz ablehne. Worauf Coates im Rayburn Building, als Experte im Zeugenstand sitzend, erwidert, der Herr Senator, geboren 1942, habe doch zweifellos auch noch die Zeiten erlebt, in denen schwarze Amerikaner in seinem Heimatstaat Alabama in der Praxis ihres theoretisch verbrieften Wahlrechts beraubt wurden.

Eine schwarze Durchschnittsfamilie, zitiert der Journalist aus Statistiken, verfügt gerade mal über ein Zehntel des Vermögens einer weißen. 2016 erhielt ein schwarzer Arbeiter rund 70 Prozent des Stundenlohns eines weißen, ein Rückschritt gegenüber dem Ende der Siebziger, als es noch 80 Prozent waren. Während 71 Prozent aller weißen Familien die vier Wände gehören, in denen sie wohnen, trifft dies nur auf 41 Prozent der schwarzen zu. „Dann ist da noch die Schande, dass dieses Land der Freien die größte Gefängnisbevölkerung des Planeten aufweist, wobei die Nachkommen der Versklavten die größte Gruppe bilden“, sagt Coates.

Es war im Juni eine Momentaufnahme im Streit um Reparationen. Womöglich ein Schlüsselmoment. Seither haben elf der 24 demokratischen Präsidentschaftskandidaten erklärt, sich für die Schaffung einer Entschädigungskommission einsetzen zu wollen. Was an praktischen Schritten folgen könnte, bleibt indes völlig offen. Ob der Fiskus den Urenkeln von Sklaven zum Zeichen staatlicher Reue tatsächlich Geld überweisen soll, darüber wird heftig gestritten.

Burgess Owens, einst Footballprofi, Afroamerikaner wie Coates, stemmt sich vehement dagegen. Reparationen, argumentiert er, könnten Menschen mit dunkler Haut das Gefühl vermitteln, dass man ihnen nicht zutraue, es aus eigener Kraft zu schaffen. Es wäre das falsche Signal, psychologisch verheerend, zumal es die vielen afroamerikanischen Erfolgsgeschichten ignoriere.

Coates wiederum legt Wert auf die Feststellung, dass es ihm allenfalls am Rande um Pekuniäres geht. Sondern vielmehr darum, das finsterste Kapitel amerikanischer Geschichte in aller Gründlichkeit aufzuarbeiten. Ein Kapitel, das 1619 begann, als die ersten verschleppten Afrikaner nach Jamestown, Virginia, gebracht wurden. Und das 1865, mit dem Sieg des Sklavenbefreiers Lincoln im Bürgerkrieg, nur dem Schein nach beendet war. Welche Spur der Diskriminierung sich von den Baumwollplantagen der Südstaaten bis in die Gegenwart zieht, hat Coates bereits vor fünf Jahren in der Zeitschrift „The Atlantic“ beschrieben, in einem Essay, der heute als Meilenstein des Diskurses gilt.

Darin erzählte er von Clyde Ross, dem Sohn von Sharecroppern aus Mississippi, der im Zuge der „­Great Migration“ gen Norden zog, nach Chicago. Dort bekam er einen Job bei Campbell’s Soup, verdiente nicht schlecht, heiratete und wollte irgendwann ein Eigenheim erwerben – nach Coates‘ Worten das Siegel für die Aufnahme in den „Heiligen Orden der amerikanischen Mittelschicht“. Nur hatte die Stadtverwaltung Wohngegenden, in denen sich Schwarze ansiedelten, mit roter Schraffierung auf ihren Karten von vornherein als problematisch gekennzeichnet. Folglich fand Ross keine Bank, bei der er einen Kredit hätte aufnehmen können. Der windige Broker, bei dem er landete, lieh ihm zwar Geld, verweigerte ihm aber den Eintrag ins Grundbuch und lauerte nur darauf, dass Schuldner mit den Zahlungen in Verzug gerieten, worauf sie ihr gesamtes Eigenkapital eingebüßt hätten. Ross gehörte zu den wenigen in seinem Viertel, die ihr Haus nicht an die Kredithaie verloren haben.

Buchautor Ta-Nehisi Coates, hier bei einer Anhörung vor dem Kongress, will das dunkelste Kapitel der US-Geschichte gründlich aufarbeiten. Foto: Foto: Frank Herrmann

Die offene Benachteiligung schwarzer Bewohner, fasste Coates es zusammen, war nichts anderes als Diebstahl. Zudem sei sie offizielle Politik der Stadt Chicago gewesen, und zwar bis in die 1960er Jahre hinein. Indem er den Fall schildere, wolle er deutlich machen, dass die Folgen der Sklaverei nicht nur Stoff für Geschichtsbücher seien. Zumindest hätten die Leute aufgehört, jemanden auszulachen, der solche Rechnungen aufmache. „Sie lachen dir nicht mehr ins Gesicht, und das allein ist schon ziemlich wichtig.“

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