Auf dem Absprung

Er ist mit sich im Reinen. Locker und entspannt sitzt Michael Schumacher in Jeans und kurzem T-Shirt am Tisch. Um ihn herum schart sich ein Dutzend deutscher Journalisten. Im Fahrerlager an der Rennstrecke von Sao Paulo hält der Rekord-Weltmeister eine letzte Audienz für die Medienvertreter. Nach dem Grand Prix von Brasilien ist seine Formel-1-Karriere endgültig beendet

Er ist mit sich im Reinen. Locker und entspannt sitzt Michael Schumacher in Jeans und kurzem T-Shirt am Tisch. Um ihn herum schart sich ein Dutzend deutscher Journalisten. Im Fahrerlager an der Rennstrecke von Sao Paulo hält der Rekord-Weltmeister eine letzte Audienz für die Medienvertreter. Nach dem Grand Prix von Brasilien ist seine Formel-1-Karriere endgültig beendet. Angst vor dem neuen Leben danach habe er nicht, stellt Schumacher gleich klar - und legt nach: "Nein, dann hätte ich mich nicht so entschieden. Ich kann in Ruhe nach vorne schauen."Oder von oben nach unten. Vom Asphalt zieht es den 43-Jährigen in die Luft: "Ich würde gerne irgendwann einen Flugschein machen", sagt er. "Ansonsten lasse ich die Abenteuer der Zukunft auf mich zukommen." Als Adrenalin-Junkie will sich Schumacher, der auch leidenschaftlich gern Ski und Motorrad fährt, sich nicht bezeichnen. Aber: "Den Wettbewerbs-Charakter kann ich nicht verneinen, der ist einfach in mir drin." Nach den Rad-an-Rad-Duellen will er künftig auch aufs Pferd steigen. Schumacher sattelt also um. Von 760 PS in seinem Mercedes-Rennauto auf einen Ein-PS-Vierbeiner. Seine Frau Corinna, eine leidenschaftliche Westernreiterin und Europameisterin, habe bereits ein Pferd für ihn ausgesucht. "Wir wollen gemeinsam zu Turnieren fahren. Wie oft ist meine Frau auf einem Turnier unterwegs gewesen, zu dem ich nicht mitkommen konnte, weil ich bei einem Rennen war? Das hat mich zuletzt immer mehr gestört", gesteht er.

"Ich hatte zwei Karrieren"

Das Formel-1-Rennen am vergangenen Wochenende in Austin war dann auch eine Art Heimspiel. Gemeinsam mit Corinna hat sich Schumacher, der seit vielen Jahren in der Schweiz lebt, vor kurzem eine 200 Hektar große Ranch im Nordwesten des Bundesstaates Texas gekauft. "In erster Linie kümmert sich meine Frau darum, weil sie Pferde züchten und in Wettkämpfen einsetzen will. Vor diesem Hintergrund werden wir auch hin und wieder drüben sein", verrät er. Schumachers Glück der Erde künftig auf dem Rücken der Pferde? Nicht unbedingt. "Ein Leben ganz ohne Rennsport kann ich mir nicht so recht vorstellen. Es wird mir nicht schwer fallen, ins Go-Kart zu springen und das Fahren einfach zu genießen." An erster Stelle aber soll die Familie stehen, Frau Corinna, Tochter Gina-Maria (15) und Sohn Mick (13), "die während meiner aktiven Rennfahrerzeit doch etwas zu kurz gekommen sind".

Schumacher blickt zufrieden auf sein bisheriges Leben zurück. "Ich hatte zwei Karrieren", berichtet er. In der einen habe er"alles gewonnen". Sieben WM-Titel und 91 Grand-Prix-Siege - nur zwei seiner Rekorde. "In der anderen habe ich gelernt, was es bedeutet, zu verlieren. Ich bin auch geduldiger und entspannter geworden", bekennt er. "Mein Alter spielt dabei bestimmt auch eine gewisse Rolle. Ich kann in Gänze auf das zurückschauen, was ich gemacht habe. Ich bin zufrieden und bereue nichts."

Nicht zufrieden kann er aber mit der Nicht-Vertragsverlängerung mit seinem Arbeitgeber Mercedes sein. Der hat ihn mit Auslauf seines Dreijahres-Engagements eiskalt abserviert und "durch die Tür gejagt", wie die italienische Presse schrieb. Das neue Leben wird ihn aber darüber hinwegtrösten.

Was bleibt vom Phänomen Schumacher in Erinnerung? Der "Jahrhundert-Pilot", der "Kannibale im Cockpit", der Nimmersatt und Perfektionist steht dazu, dass er nicht der strahlende Sonnyboy und locker-flockige Lebenskünstler war, der es allen und jedem Recht machen konnte, geschweige denn wollte. Im Laufe seiner Karriere hat der Rheinländer zum Teil schmerzlich erfahren, dass er Grenzen setzen und sich abschotten musste, um im Trubel um seine Person nicht den Rest an Privatsphäre zu verlieren. Scheinbare Arroganz und Kälte waren oft Selbstschutz. "In gewissem Maße ließ sich der goldene Käfig bei mir nicht vermeiden, weil ich nicht ganz so in die Öffentlichkeit ging und mich am Stammtisch amüsieren konnte", gab er einmal preis.

Sein geordnetes Familienleben, seine Erfolge, sein Vermögen - das auf 800 Millionen Euro geschätzt wird -, der steuergünstige Wohnsitz in Monaco und anschließend in der Schweiz sorgten für Neid und Kritik. Aber Schumacher konnte damit immer gut leben. Und man kann zu diesem Weltklasse-Sportler als Mensch stehen, wie man will: Man kann seine intellektuelle Aura bespötteln und seinen spröden Charme nervtötend finden. Aber eines kann man nicht: ihm die Anerkennung versagen.

In der Grand-Prix-Glitzerwelt war sein Revier das Fahrerlager, die Meile der Eitelkeiten. Er durchmaß es stets entschlossen und doch leicht federnd. Seine Körpersprache, so antrainiert wie der muskulöse Körper, signalisierte Selbstbewusstsein: gerader Rücken, offener Blick. Das war nicht immer so. Anfang war für ihn jeder öffentliche Auftritt anstrengend, da er seine Schüchternheit überwinden musste, jedes Wort genau abwägen wollte. Doch im Laufe der Zeit und mit wachsenden Erfolgen wurde er immer souveräner. Auch vor hochrangigen Managern, Politikern und Prominenten, vor Kameras und Mikrofonen wirkt Schumacher nun stets aufgeschlossen und offen.

Grüße ins Saarland

Mehr als 20 Jahre liegen zwischen Schumachers Formel-1-Debüt als 22-Jähriger im belgischen Spa und dem Abschied an diesem Wochenende in Sao Paulo. Für Journalisten war es nicht immer einfach, mit ihm eine lockere Unterhaltung zu führen. Mit Misstrauen und Skepsis stand er neuen Gesprächspartnern gegenüber. Doch hatte man sein Vertrauen einmal gewonnen, machte es Spaß, mit ihm zu arbeiten. Aus "Sie" wurde bald "Du". "Ach, der Saarländer ist auch da", war öfters seine Begrüßung. Und als die Radfahrer der Tour de France durch das Saarland strampelten, gab er vom Rennen im britischen Silverstone "beste Wünsche für Saarbrücken und die SZ" mit auf den Heimweg.

Jetzt heißt es erst einmal "Time to say goodbye - Zeit auf Wiedersehen zu sagen", wie Sarah Brightman und Andrea Bocelli sangen. Aber ganz von der Bildfläche will Schumacher nicht verschwinden. "Ich werde bei bestimmten Events wieder auftauchen", verspricht er in seiner letzten Medienrunde. "Dann aber als Privatmann."

Auf einen Blick

Zahlen und Fakten rund um Michael Schumachers Formel-1-Karriere:

Geboren am: 3. Januar 1969 in Hürth-Hermühlheim

Erster Grand Prix: 25. August 1991 GP Belgien

Erster Sieg: 30. August 1992 GP Belgien

Grand-Prix-Teilnahmen: 307

Siege: 91

Pole-Positionen: 68

Podiumsplätze: 155

Schnellste

Rennrunden: 77

Größte Erfolge: Weltmeister 1994/1995 und 2000 bis 2004

Teams: 1991 Jordan, Benetton; 1992 - 1995 Benetton; 1996 - 2006 Ferrari, erstes Karriereende; 2010 - 2012 Mercedes. dpa