Atomstromland Frankreich auf Energiesparkurs

Paris/Cattenom · Das französische Gesetz zur Energiewende setzt ehrgeizige Ziele – und kratzt sogar an der Allmacht der Atomkraft in der französischen Stromversorgung. Doch für das AKW Cattenom bedeutet das längst nicht das Aus.

 Trotz französischer Energiewende bleibt das Kernkraftwerk in Cattenom ein Damoklesschwert für die Bewohner der Großregion. Foto: Rich Serra

Trotz französischer Energiewende bleibt das Kernkraftwerk in Cattenom ein Damoklesschwert für die Bewohner der Großregion. Foto: Rich Serra

Foto: Rich Serra

Wer heute 30 Jahre alt und im Dreiländereck zwischen Lothringen, Luxemburg und dem Saarland aufgewachsen ist, kennt es nicht anders. Die Türme des Atomkraftwerks in Cattenom gehören seit 1986 zur Landschaft. Zusammen mit 18 anderen AKWs sorgt Cattenom für 75 Prozent der französischen Stromerzeugung. Bis jetzt. Doch nun legt das Land der Branche nach langem Hin und Her Zügel an: Das französische Energiewende-Gesetz sieht vor, den Anteil am Strommix bis 2025 auf 50 Prozent zu senken. Ein Wahlversprechen von Präsident François Hollande - und nur ein Punkt im ehrgeizigen Projekt der Energiewende à la française, die gestern nach langem Streit von der Nationalversammlung endgültig beschlossen wurde. Es bedeutet in vielerlei Hinsicht eine echte Kehrtwende: Das Land will seinen Rückstand bei der Öko-Strom-Produktion aufholen, weniger Treibhausgase ausstoßen und insgesamt viel weniger Energie verbrauchen.

So will Paris wie Berlin bis 2050 nur noch halb so viel Energie verbrauchen und knapp ein Drittel des Energiebedarfs aus Wind, Sonne und anderen erneuerbaren Quellen decken. Konkret schießt Paris beispielsweise bis zu 8000 Euro bei energiesparenden Umbauten zu; wer einen alten Diesel gegen ein Elektroauto eintauscht, bekommt 10 000 Euro vom Staat. Genehmigungen für Windanlagen sollen leichter werden, Bürger und Gemeinden können künftig Öko-Energie-Projekte finanzieren.

An anderer Stelle fehlt es dagegen an Details: So legt das Gesetz nicht explizit fest, ob Atommeiler abgeschaltet werden müssen - und erst recht nicht, welche und wann. Der WWF und andere Umweltorganisationen nannten das in einer Analyse "le grand flou" - "die große Unschärfe". Während die grüne Ex-Umweltministerin Cécile Duflot im Herbst noch beteuerte, mit der 50-Prozent-Vorgabe müssten um die 20 Reaktoren vom Netz, hält Stromerzeuger EDF sich bedeckt. Es gibt auch Vermutungen, dass bei wachsender Bevölkerung ein höherer Stromverbrauch zu erwarten sei und der Atom-Anteil deshalb automatisch fallen könnte.

In Cattenom stehen die Zeichen nicht auf Abrüstung. 2016 startet dort der sogenannte "grand carénage" - eine große Generalüberholung durch den Betreiber EDF. Bestehen die jeweiligen Reaktoren die detaillierte Inspektion, dürfen sie weitere zehn Jahre am Netz bleiben. 2016 ist Reaktor 1 an der Reihe, 2018 und 2020 folgen jeweils Nummer 2 und 3. Sollte Reaktor 4 2022 den Test bestehen, kann er theoretisch bis 2032 in Betrieb bleiben.

Eine klare Grenze enthält das Gesetz allerdings: Die Höchstleistung aller französischen Atommeiler wird auf das derzeitige Maß von 63,2 Gigawatt gedeckelt - und nicht 64,85, wie der von der Opposition angeführte Sénat forderte. Damit deutet sich an, dass wohl zwei Meiler abgeschaltet werden müssen, wenn der neue EPR-Reaktor in Flamanville in der Normandie ans Netz geht, dessen Fertigstellung sich allerdings schon mehrfach verspätete. Diese Diskussion dürfte auf deutscher Seite gerade in der Nähe des grenznahen Kernkraftwerks Fessenheim aufmerksam verfolgt werden - dessen Schließung hatte Hollande im Wahlkampf zugesagt, ist das Versprechen aber bislang schuldig geblieben. Während das älteste AKW Frankreichs den deutschen Nachbarn schon längst ein Dorn im Auge ist, stößt der Vorschlag der Abschaltung in der elsässischen Stadt auf den Widerstand von Bevölkerung, Gewerkschaften und Volksvertretern. Anders als in Deutschland, wo die Anti-Atom-Bewegung ziemlich stark ist, überwiegen in Fessenheim ökonomische Befürchtungen. Einer Studie der französischen Statistikbehörde INSEE zufolge hängen rund 2000 Arbeitsplätze mit dem AKW zusammen. Bei einem rund 20 Jahre dauernden Abbau der Anlage im Falle einer Abschaltung würden nach Schätzungen der Gewerkschaft FO nur noch zehn Prozent der aktuellen Belegschaft ihre Arbeit behalten können.

Für Frankreich hat das Gesetz aber auch eine große Symbolwirkung: Wenige Monate vor der Weltklimakonferenz in Paris will der Gastgeber mit gutem Beispiel vorangehen.