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Arbeit – ein Stück Ankommen in Deutschland

Arbeit – ein Stück Ankommen in Deutschland

Da, wo sie herkommen, ist Krieg. An Schule war für viele Syrer nicht zu denken. Der Tüv Nord Bildung hilft Flüchtlingen, im Saarland eine Arbeit zu finden. Aber auch beim Überwinden der anderen täglichen Hürden.

Es sind die kleinen Dinge des Alltags, die von der einen auf die andere Sekunde plötzlich zu einer scheinbar unüberwindlichen Hürde werden. Mohammad Ghozlan (25), Riad Yabroudi (24) und Ibrahim Aljamous (30), drei Flüchtlinge aus Syrien, die an der Saar eine neue Heimat gefunden und vom Tüv Nord Bildung in Völklingen auf verschiedenste Berufe vorbereitet werden, wundern sich darüber, dass sie so oft Post nach Hause geschickt bekommen. "Postversand gibt es in Syrien nicht", sagt Yabroudi. Man müsse dort an einer zentralen Stelle nachsehen, ob es eine Benachrichtigung gibt. Zumal auch das Prinzip, eine Anschrift mit Straße und Hausnummer zu haben, dort nicht bekannt sei.

Noch mehr als der Postberg selbst beschäftigt die jungen Flüchtlinge dessen Inhalt. Viele der Schreiben seien nicht zu verstehen. Ohne Dolmetscher habe man keine Chance, doch so jemand ist selten zur Stelle. Und muss auch bezahlt werden. Besonders peinlich wird es hier für die deutsche Bürokratie, wenn Post von den Jobcentern kommt und etwa an die Einhaltung bestimmter Termine erinnert wird, weil sonst die finanziellen Leistungen eingestellt werden. Selbst der mit vielen Vorschusslorbeeren versehene Chef der Bundesanstalt für Arbeit (BA), Frank Jürgen Weise, hat es in seiner Zeit als Chef des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge offensichtlich nicht vermocht, den Amtsschimmel zu besiegen und dafür zu sorgen, dass zumindest die wichtigsten Mitteilungen der Briefe an die Flüchtlinge in Kurzform auch ins Arabische übersetzt werden.

Ein Mangel, den auch Daniela Riss kritisiert. Sie ist Sprachdozentin und begleitet im Rahmen des Projektes "Schulterschluss des Bergbaus" beim Tüv Nord Bildung Saar derzeit 35 junge Flüchtlinge aus Syrien auf ihrem Weg in die Integration in das deutsche Arbeitsleben. Sie weiß inzwischen, dass viele Neuankömmlinge vor solchen Behördenschreiben kapitulieren, diese in die Schublade legen und erst aktiv werden, wenn das Kind eigentlich schon in den Brunnen gefallen ist, weil Zahlungen eingestellt werden. Es ist der Sprachdozentin mittlerweile nicht nur gelungen, in kurzer Zeit Vertrauen zu den jungen Syrern im Kurs herzustellen, man behandelt sich auch gegenseitig mit großem Respekt. Selbst der Umstand, von einer blonden Frau betreut zu werden, stelle keinerlei Problem dar, lacht Riss.

Doch mit dem reinen Sprachunterricht alleine ist es längst nicht getan. Riss begleitet die Flüchtlinge auch zu Einkäufen, zeigt ihnen Sitten und Gebräuche und ist auch mal auf Ausflügen dabei, damit die jungen Leute das Saarland mit seinen Menschen besser kennenlernen. Gleichzeitig hat sie eine Whatsapp-Gruppe gegründet, in der sich alle am Integrationskurs Beteiligten jederzeit austauschen können. "Da gibt es auch keine festen Zeiten und auch keinen Samstag oder Sonntag. Die Hilfe wird ständig in Anspruch genommen, nahezu rund um die Uhr", sagt Riss. Sie ist mit viel Einfühlungsvermögen zur Stelle, denn es geht längst nicht nur um Behördengänge. "Man muss auch bedenken, dass die jungen Leute, die etwa mit 20 Jahren zu uns kommen, schon fünf Jahre Kriegserfahrung in ihrem Heimatland mitbringen. Und sie sind auch schon fünf Jahre nicht mehr zur Schule gegangen." Allerdings seien fast alle im Kurs mit sehr hoher Motivation dabei.

"Die jungen Leute, die wir hier kennenlernen, wollen nicht zum Jobcenter gehen und Geld beanspruchen, sondern möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen und qualifizierte Berufe ergreifen", sagt Harry Laufer, der Geschäftsführer des Tüv Nord Bildung Saar. "Für uns ist es auch wichtig, dass sich die Flüchtlinge erst gar nicht an Hartz IV gewöhnen."

Das bis Dezember 2016 laufende Projekt mit den 35 Syrern wird finanziert von der RAG-Stiftung. Sie unterstützt fünf dieser Projekte bundesweit mit insgesamt 1,5 Millionen Euro, davon fließen rund 300 000 Euro an die Saar. In der ersten Stufe des Kurses steht das Erlernen der deutschen Sprache im Vordergrund. Je nach Voraussetzungen der Teilnehmer werden von Grundkenntnissen bis hin zu anspruchsvolleren Inhalten verschiedenste Schwierigkeitsstufen vermittelt. Ein Ziel ist es auch, bereits in der laufenden Phase des Sprachkurses Kontakte zu Saar-Unternehmen herzustellen, die die Flüchtlinge anschließend in einer Ausbildung oder Festanstellung beschäftigen. Betriebe wie Möbel Martin und viele andere zeigen bereits Interesse, so Laufer.

Für Mohammad Ghozlan, Riad Yabroudi und Ibrahim Aljamous sieht es jetzt schon ganz gut aus. Sie führen nicht nur das Gespräch mit unserer Zeitung schon in Deutsch, sondern haben auch berufliche Kontakte geknüpft. "Ich habe in meiner Heimat drei Jahre Informatik studiert und bin jetzt seit neun Monaten im Saarland. Ich möchte meinen Kurs erfolgreich beenden, dann an die Uni gehen, Informatik studieren", sagt Mohammad Ghozlan. Riad Yabroudi möchte nach dem erfolgreichen Abschluss des Kurses entweder im Saarland bleiben und ebenfalls an die Uni wechseln oder vielleicht auch in sein Heimatland Syrien zurückkehren. Das hänge davon ab, ob es gelingt, den Bürgerkrieg zu beenden. Für Ibrahim Aljamous deuten sich besonders gute Perspektiven an. Er möchte eine Ausbildung als Krankenpfleger machen und hat mit ersten Erfahrungen bei einem Praktikum an den SHG Kliniken in Völklingen überzeugt.

Auch gesellschaftlich sind die drei jungen Männer schon recht gut integriert. Aljamous sagt: "Die Leute im Saarland sind nett. Zu Terminen muss man immer pünktlich sein, aber das finde ich gut. Wenn ich mal Hilfe brauche, dann gehe ich zur Caritas oder zum Diakonischen Werk." Daniela Riss hat für Mohammad Ghozlan auch den Kontakt zum "Hilfsnetzwerk für Menschen in Not" in Riegelsberg hergestellt. Ghozlan, der auch in Riegelsberg wohnt, sagt: ,,Ich habe im Ort schon viele Bekannte."

Am heutigen Montag will sich Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer , die auch Mitglied im Kuratorium der RAG-Stiftung ist, beim Tüv Nord Bildung Saar einen Überblick verschaffen, wie mit den Syrern vor Ort gearbeitet wird und was man in der Integration der jungen Leute in der Praxis noch verbessern kann. Dabei halten die Syrer auch eine Überraschung für die Politikerin bereit. Sie wollen für die Ministerpräsidentin etwas aus ihrer alten Heimat kochen.