18 Jahre Rechtsstreit um zwei Sekunden Musik

Karlsruhe/Saarbrücken · Einen bereits bestehenden Rhythmus oder Songschnipsel in ein eigenes Werk einzubauen – das nennen Musiker Sampling. Andere würden eher von Klauen sprechen. Doch die Verfassungsrichter in Karlsruhe finden das im Sinne der Kunstfreiheit zumindest in gewissem Maße zulässig.

Markus Trennheuser komponiert leidenschaftlich gern eigene Musik. Doch manchmal hört er eine kleine Melodie, einen Songschnipsel oder einen Rhythmus - etwas, das ein anderer bereits kreiert hat - und möchte unbedingt damit arbeiten. Am besten sofort. Doch so einfach ist es nicht. "Die Urheberschaft hat ja ein anderer", sagt der Saarländer, der als Hip-Hop-Musiker unter dem Namen Drehmoment auftritt. Das heißt: Rechtlich kann man da in Teufels Küche kommen. Deshalb lässt der 33-Jährige es meistens bleiben, mit fremden Musikstücken zu arbeiten. Ein neues Urteil des Bundesverfassungsgerichts könnte Künstlern jetzt jedoch mehr Freiheiten dabei eröffnen.

Die Richter in Karlsruhe entschieden, dass Komponisten unter bestimmten Voraussetzungen Tonschnipsel aus fremden Musikstücken ungefragt in eigene Werke einbauen können und dafür auch keine Lizenzgebühren zahlen müssen. Wenn der Eingriff in die Verwertungsrechte der Musikindustrie nur "geringfügig ist", hat die Kunstfreiheit Vorrang vor den Eigentumsrechten der Tonträgerhersteller, hieß es gestern.

In dem verhandelten Fall streitet der Komponist und Produzent Moses Pelham seit nunmehr fast 18 Jahren mit den Elektropop-Pionieren von Kraftwerk. Es geht um einen gerade mal zweisekündigen Beat, den Pelham, ohne zu fragen, aus dem Kraftwerk-Titel "Metall auf Metall" kopiert und in Endlosschleife unter den mit der Rapperin Sabrina Setlur aufgenommenen Song "Nur mir" gelegt hatte. Diese Interpretation in neuem Kontext nennt man Sampling. Sie ist in Rap und Hip-Hop gängig.

Aber: "Die Künstler begeben sich dabei in eine rechtliche Grauzone und jeder muss selbst wissen, wie weit er gehen möchte", sagt Markus Trennheuser. Insbesondere junge Musiker ohne eigene Band verwendeten oftmals bestehende Rhythmen und Songteile. Die entscheidende Frage dabei sei, ob sie diese genug verändern, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein. Doch auch das ist knifflig: Denn wer definiert, ob der Künstler etwas Neues kreiert hat oder das alte Stück noch zu stark erkennbar ist?

Die Kraftwerk-Musiker Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben jedenfalls sahen durch das Sampling ihre Rechte verletzt und zogen durch alle Instanzen vor Gericht. Der Bundesgerichtshof (BGH) urteilte 2012, dass die freie Nutzung selbst "kleinster Tonfetzen" von einem fremden Tonträger nicht zulässig ist, wenn ein "durchschnittlicher Musikproduzent" in der Lage wäre, sie technisch selbst herzustellen. Musiker sollten ansonsten den Plattenfirmen Lizenzgebühren für das Sampling zahlen. Das sahen die Verfassungsrichter jetzt anders. Komponisten sollten grundsätzlich in "einen künstlerischen Dialog mit vorhanden Werken" treten können, urteilten sie und verwiesen den Fall an den BGH zurück, der ihn neu bewerten soll. Das letzte Wort in diesem langen Rechtsstreit ist also noch immer nicht gesprochen.

Der saarländische DJ und Musikproduzent Daniel Breyer kann das Vorgehen von Kraftwerk nachvollziehen. "Die Urheber sollten ein Recht darauf haben, an Gewinnen beteiligt zu werden", sagt er. Gleichzeitig müssten aber auch die Künstler neu geschaffener Werke geschützt werden. Breyer wünscht sich deshalb eine gesetzliche Regelung, die in Sachen Sampling mehr Transparenz bringt. Markus Trennheuser alias Drehmoment ist über das Urteil aus Karlsruhe "hoch erfreut", auch wenn er Fallstricke bei der Auslegung sieht. "Was heißt denn geringfügiger Eingriff in die Verwertungsrechte? Das ist sehr schwammig." Trotzdem sei der Richterspruch eine gute Entscheidung, von der beide Seiten profitieren könnten, Musikindustrie und Künstler. Sie gebe Kreativen, die sich einfach nur austoben wollten, ohne dabei das große Geld im Visier zu haben, genügend Freiraum. Zugleich habe das Gericht dafür plädiert, die Nutzung fremder Tonschnipsel mit einer Vergütung zu verknüpfen, die sich am Gewinn des neuen Werks orientiert. Das findet Trennheuser richtig. Sobald kommerzieller Erfolg ins Spiel komme, sollten die Urheber profitieren. "Künstler müssen ja von ihren Werken leben können."

Moses Pelham zeigte sich gestern erleichtert über die Entscheidung des Verfassungsgerichts. "Ich glaube, dass es für die Fortentwicklung der Kunst ein sehr, sehr wichtiges Urteil ist", sagte er. Alle Menschen, die Musik machten, bringe das einen großen Schritt weiter.

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