Zwei Monate nach dem verheerenden Dachfeuer wird in der Pariser Notre-Dame wieder eine Messe zelebriert. Um den Wiederaufbau gibt es viele Diskussionen.

Erste Messe nach dem Brand : Wie Notre-Dame wieder auferstehen soll

Zwei Monate nach dem verheerenden Dachfeuer wird in der Pariser Kathedrale wieder eine Messe zelebriert. Um den Wiederaufbau gibt es viele Diskussionen.

Erzbischof Michel Aupetit wird einen Bauhelm tragen, wenn er an diesem Samstagabend in Notre-Dame die erste Messe seit dem Brand vom 15. April halten wird. Nur ein Dutzend Gläubige können in der Kapelle am Ende des Kirchenschiffs zugegen sein – und ebenfalls mit Kopfschutz; alle übrigen müssen sich mit einer Fernsehübertragung zufrieden geben. Denn „das Dachgewölbe kann nach wie vor durchaus einstürzen“, warnt der designierte Chefarchitekt Philippe Villeneuve.

Noch sind über hundert Arbeiter –  und aus Sicherheitsgründen ein Roboter – damit beschäftigt, die verkohlten oder eingestürzten Dachteile aus dem Kirchenschiff zu entfernen. In Sachen Brandursache verstärkt sich derweil eine Hypothese: Nachlässigkeit. Die im April im Einsatz befindlichen Renovationsarbeiter haben dem Vernehmen nach zugegeben, dass sie im Gebälk ab und zu geraucht hatten. Das war streng verboten. Möglich scheint auch ein Kurzschluss: Elektrische Kabel des Baulifts sollen regelwidrig verlegt worden sein.

Doch das Hauptinteresse gilt ohnehin der Zukunft der Kathedrale, also ihrem Wiederaufbau. Präsident Emmanuel Macron hatte im April erklärt, er sei nicht gegen ein „zeitgenössisches“ oder „innovatives“ Vorhaben. Das konservative Magazin „Valeurs actuelles“ organisierte darauf ein Forum für einen „identische Wiederherstellung“ der Pariser Kathedrale. Als der frühere Mitterrand-Berater Jacques Attali an dem Diskussionsabend vorschlug, ganz auf den eingestürzten Spitzturm – la flèche – zu verzichten, kanzelte ihn der Starautor Michel Houellebecq als „debil“ ab und rief aus: „Die chinesischen Touristen kommen, um die völlig wiederaufgebaute Notre-Dame zu sehen!“ Die erste Aufwallung der konservativen Gefühle hat sich etwas gelegt, zumal die Europawahlen von Ende Mai nun vorbei sind. Die große Mehrheit der Franzosen wünscht laut mehreren Umfragen weiterhin eine originalgetreue Wiederherstellung, Sturmspitze inbegriffen. Der Zuständige für das französische Kulturerbe, Stéphane Bern, erklärte, zahllose Bürger hätten nur deshalb kleine Beiträge für die Renovierung gespendet, „weil sie Notre-Dame wieder so sehen wollen, wie sie einmal war“. Auch der konservative Philosoph und Ex-Bildungsminister Luc Ferry meint: „Notre-Dame gehört allen Franzosen, nicht Macron und auch nicht dem Ego eines modernistischen Kreativen.“ An Beispielen dafür mangelt es nicht: Ein französisches Architektenduo hat ein Treibhaus auf dem Kathedralendach angeregt, ein schwedisches Büro am gleichen Ort ein Schwimmbad.

Heiße Debatten werden über den Ersatz der eingestürzten Turmspitze in der Mitte des Kathedralengiebels geführt. Soll dieser fein ziselierte Dach­reiter neu und anders gebaut oder völlig gleich wiederherstellt werden? Die erste, aus dem 13. Jahrhundert stammende Version war 1792 demontiert worden. Den nun eingestürzten 93 Meter hohen Nachfolger hatte Eugène Viollet-le-Duc 1859 in neogothischem Stil neu errichtet. Das „progressive“ Lager argumentiert nun, Notre-Dame sei schon einmal sechzig Jahre lang ohne „flèche“ (Pfeil) ausgekommen. Es bestehe deshalb kein Zwang zu einer identischen Wiederherstellung. Der Architekt Jean-Michel Wilmotte schlägt vor, die Pfeilspitze aus Kohlenstoff neu zu errichten, um ein ökologisches Zeichen des 21. Jahrhunderts zu setzen. Der Rektor der Kathedrale, Patrick Chauvet, will aber keine Experimente: Er sei zwar nicht gegen eine „kleine Note“, welche die Erneuerung der Kathedrale symbolisiere, meint der Kirchenmann. „Aber aufgepasst, dass wir nicht einen auf dem Kopf stehenden Eiffelturm mit Blinklichtern bauen.“

Macron wird jedoch mit Näherrücken der Präsidentschaftswahlen von 2022 nicht gegen öffentliche Meinung entscheiden. Die Kontrolle über den internationalen Architekturwettbewerb will er deshalb bewahren. Derzeit versucht er ein Gesetz durch das Parlament zu drücken, das der Exekutive – also ihm – Sonderrechte in Sachen Kulturgüterschutz, Urbanismus und Umweltauflagen einräumt.

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