Zuckersüßer Schutz gegen Polio

Berlin. Es hat ganz plötzlich mit hohem Fieber angefangen, dann sind Nackenstarre und Atemlähmungen dazugekommen. Das kleine Mädchen kam in der Uniklinik Erlangen in die sogenannte Eiserne Lunge - eine Druckkammer, die die Beatmung des Patienten übernimmt. "Ich wurde tagelang beatmet, sonst wäre ich gestorben", sagt Carola Hiedl heute über den Ausbruch der Kinderlähmung

 Eine Ärztin verteilt in den 70er-Jahren Zuckerwürfel mit dem Polio-Impfstoff. Foto: becker/dpa

Eine Ärztin verteilt in den 70er-Jahren Zuckerwürfel mit dem Polio-Impfstoff. Foto: becker/dpa

Berlin. Es hat ganz plötzlich mit hohem Fieber angefangen, dann sind Nackenstarre und Atemlähmungen dazugekommen. Das kleine Mädchen kam in der Uniklinik Erlangen in die sogenannte Eiserne Lunge - eine Druckkammer, die die Beatmung des Patienten übernimmt. "Ich wurde tagelang beatmet, sonst wäre ich gestorben", sagt Carola Hiedl heute über den Ausbruch der Kinderlähmung. Sie war damals, 1952, drei Jahre alt. In der Bundesrepublik Deutschland wurde der erste wirksame Impfstoff gegen die Krankheit erst zehn Jahre später verabreicht. Das war vor 50 Jahren am 5. Februar 1962.Nach dem Ausbruch der Krankheit konnte sich Hiedl kaum noch bewegen. "So kleine Rollstühle gab es nicht, weshalb meine Eltern mich in einem Kinderwagen rumfahren mussten, da haben die Leute natürlich gelacht", erzählt sie.

Angst vor dem Impfstoff

Wenige Jahre danach - im Frühjahr 1957 - spritzten westdeutsche Ärzte einen ersten Polio-Impfstoff. Dessen Wirkung war aber umstritten, wie der "Spiegel" später berichtete. Als in der DDR 1961 die erste Schluckimpfung mit Lebend-Impfstoff eingeführt wurde, waren Experten der Bundesrepublik kritisch. Anfang Februar 1962 führte Bayern dann als erstes Bundesland den Lebend-Impfstoff ein. Mit den Worten "Der Trunk schmeckt gut" leerte Bayerns Innenminister Alfons Goppel das Zuckerwasser mit den abgeschwächten Viren. Die deutsche Kampagne unter dem Motto "Schluckimpfung ist süß - Kinderlähmung ist grausam" zeigte schnell Wirkung: Waren 1961 noch mehr als 4600 Menschen erkrankt, waren es 1962 nur etwa 290.

Die Weltgesundheitsorganisation startete 1988 ein Programm zur Ausrottung der Kinderlähmung. Doch das Ziel "eine Welt ohne Polio" wurde bislang nicht erreicht. Vor allem Pakistan, Afghanistan und Nigeria bereiten den Experten Sorgen. Zu einzelnen Ausbrüchen in anderen Ländern kommt es aber immer noch. Schuld sind vor allem zu geringe Impfraten. So gab es laut "Ärzte ohne Grenzen" 2010 in Tadschikistan mehrere hundert Fälle.

Der Lebend-Impfstoff wird in Deutschland seit 1998 nicht mehr eingesetzt. Ärzte spritzen heute den abgetöteten Erreger, da es Einzelfälle gab bei denen das abgeschwächte Virus zum Ausbruch der Krankheit führte.

 Eine Ärztin verteilt in den 70er-Jahren Zuckerwürfel mit dem Polio-Impfstoff. Foto: becker/dpa

Eine Ärztin verteilt in den 70er-Jahren Zuckerwürfel mit dem Polio-Impfstoff. Foto: becker/dpa

Im Ausland ist das anders. "Für Massenimpfungen ist die Spritze schwierig", sagte der medizinische Verantwortliche bei "Ärzte ohne Grenzen", Sebastian Dietrich. Vor allem in Krisengebieten setze man weiter auf die Schluckimpfung. Carola Hiedl konnte erst ab dem Gymnasium in die Schule gehen - die Volksschule war nicht für Körperbehinderte geeignet. Dennoch schaffte sie das Abitur und studierte Psychologie. Sie appelliert an Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen: "Mein Leben wäre mit Impfung ein komplett anderes gewesen."

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