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Wie sieht die Zukunft der Kirmes aus?

Wie sieht die Zukunft der Kirmes aus?

In Bonn kommt heute das Schaustellergewerbe zusammen, um über die Lage der Volksfeste zu diskutieren. Themen gibt es genug: die neue Sicherheitsdebatte und die Frage, wer in digitalen Zeiten noch einen Rummelplatz zum Flirten braucht.

Die deutsche Kirmes ist ein Hort der Beständigkeit. Grellbunte Karusselle, 90er-Jahre-Techno am Autoscooter, der Geruch von brutzelnden Nackensteaks - das grundsätzliche Arrangement auf Rummelplätzen hat sich seit vielen Jahren so gut wie nicht verändert. Für die Welt drumherum gilt das leider nicht ganz, wie spätestens der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt gezeigt hat.

Die neue Frage nach der Sicherheit ist die aktuellste Debatte, die geeignet ist, am Wesenskern deutscher Kirmes-Gemütlichkeit zu rütteln. Wie entspannt kann ein Fest noch sein, das versucht, sich gegen jede denkbare Gefahr abzuriegeln? Zugleich ist es nicht die einzige: Kostendruck, das Sterben kleinerer Volksfeste , die Digitalisierung - all das zu ignorieren, ist wohl keine Option. "Die Käseglocke wird nicht der Weg sein", sagt Frank Hakelberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbundes (DSB).

Für die Branche, die sich von heute an in Bonn mit etwa 500 Delegierten trifft, gibt es jedenfalls mehr als genug Gesprächsstoff. Der DSB erwartet rund 1300 Gäste. Es sei "das größte Schaustellerjahrestreffen weltweit". Der Anschlag in Berlin mit zwölf Toten und vielen Schwerverletzten wirkt dabei deutlich nach. "Überall werden Sicherheitskonzepte überdacht", sagt Hakelberg. Aus Sicht der Schausteller besteht aber die Gefahr, bei den Sicherheitsvorkehrungen über das Ziel hinaus zu gehen. "Aus Festen dürfen keine Festungen werden", sagt Verbands-Präsident Albert Ritter.

Die Branche macht sich zudem Sorgen, dass Kommunen auf die Idee kommen könnten, die Mehrkosten komplett auf die Schausteller umzulegen. Es gehe in der Debatte ja nicht um eine Gefahr, die aus einer Kirmes heraus entstehe, argumentiert Geschäftsführer Hakelberg. Die komme von außen, das sei eine hoheitliche Aufgabe.

Um die Stimmung und den Zulauf auf den Volksfesten sorgt er sich gleichwohl nicht. Nach dem Anschlag hat er sich bei Budenbetreibern umgehört. "Sie haben von vielen Gesprächen mit ihren Gästen berichtet, bei denen die Leute den Glühwein in der Hand hatten und sagten: Jetzt erst recht." Er glaubt, dass sich der Gedanke durchsetzt, sich den Spaß nicht nehmen zu lassen.

Dass es auch abgesehen von der Sicherheit einen gewissen Veränderungsdruck gibt, hat vor einigen Jahren eine Studie des Spitzenverbandes gezeigt. Sie kam 2012 zu dem Schluss, dass in den Jahren seit der Jahrtausendwende fast jedes vierte Volksfest von der Bildfläche verschwunden ist - vor allem die kleinen.

Die Entwicklung hängt auch damit zusammen, wie Menschen heute ihre Freizeit verbringen wollen - und können. Früher stand noch alles Kopf, wenn die Kirmes ins Dorf kam. Wer sich verlieben wollte, versuchte es als erstes auf einem Volksfest. Spätestens seit dem Siegeszug des Internets ist das natürlich anders. "Sie brauchen zum Verknallen nicht mehr am Autoscooter zu stehen", weiß auch Funktionär Hakelberg.

Wer über deutsche Rummelplätze bummelt, könnte dennoch meinen, dass die Zeit still steht. Fahrgeschäfte sind in greller 80er-Jahre-Optik bemalt, manche Motive würden in anderen Zusammenhängen wohl eine Gender-Debatte auslösen. Paare, die sich in der Öffentlichkeit auf keinen Fall mit Kosenamen anreden wollen, tragen plötzlich stolz Herzen mit der Aufschrift "Schnuckiputz" vor dem Bauch.

Eine traditionsreiche, aber kriselnde Kirmes aufzugeben und etwa durch einen x-beliebigen Mittelaltermarkt zu ersetzen, ist aus Sicht der Schausteller jedenfalls die schlechteste Lösung. "Wenn eine kleine Kirmes mit Herzblut betrieben wird, wird es sie immer geben", sagt Geschäftsführer Hakelberg. Und bestimmte Dinge müssten einfach immer da sein. Ohne Bratwurst gehe es nicht.