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Wie Jeff Lello in der Corona-Pandemie vom Kellner zum Obdachlosen wurde

Corona-Pandemie : Vom Kellner zum Obdachlosen

Arbeitslos durch Corona und bald kein Geld mehr, um über die Runden zu kommen: Jeff Lello aus Florida musste von seiner Wohnung in ein Zelt umziehen, die vergangenen Monate wurden für ihn zum Alptraum. Es ist ein Schicksal, das er mit vielen anderen Amerikanern teilt.

Reich war Jeff Lello nie, aber sein Einkommen als Kellner und das Trinkgeld reichten doch immer fürs Essen, fürs Auto und für die Miete in der WG in Orlando. Mit Corona wurde alles anders: Lello konnte sich die Miete nicht mehr leisten und musste in ein Zelt ziehen, das er von seinen letzten 75 Dollar gekauft hatte.

An einem Freitag im März war es, da sein Leben aus den Fugen geriet. Als der 42-Jährige und seine Kollegen am Abend zum Dienst in ihrer Steakhouse-Kette in Florida kamen, nahm der Chef sie beiseite und eröffnete ihnen, dass das Restaurant wegen der Pandemie geschlossen werden müsste. Der Job war weg.

In seiner Uniform trat Lello auf die Straße, ratlos. Seit er ein Teenager war, hatte er gekellnert. Für Extraschichten hatte er sich immer gerne gemeldet. Arbeitslos war er nie, nie auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Jetzt musste er sich arbeitslos melden. Das System stockte. Während er auf die Auszahlung wartete, gingen die Wochen ins Land. Aus Wochen wurden Monate. Seinen Anteil der Miete in der bescheidenen WG konnte Lello sich bald ebenso wenig leisten wie den Unterhalt des Autos. Er zog um in das Zelt.

Rund 20 Millionen Amerikanern ergeht es nach Schätzungen des Netzwerks „Nationale Koalition für Obdachlose“ an einem Punkt ihres Lebens mit großer Wahrscheinlichkeit einmal so wie Lello: Sie leben von Gehalt zu Gehalt und geben mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für Miete aus. Als Folge der Corona-Pandemie könnte sich die Zahl der Betroffenen der Organisation zufolge noch einmal um 45 Prozent erhöhen.

In Florida, wo die Corona-Arbeitslosenzahlen auf Rekordhöhe hochschnellten, war die Situation besonders schwierig. Bis die Anträge auf Arbeitslosengeld bearbeitet wurden, bis das Geld floss, dauerte es hier länger als in den meisten anderen US-Staaten. Bis Mitte Juni waren die Zahlungen bei 40 Prozent von 2,2 Millionen Anträgen noch nicht erfolgt.

„Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe“, sagt Lello über das Sicherheitsnetz, das ihn nicht auffangen konnte. „Warum ich?“ Er habe die Hoffnung komplett verloren, sagt er.

Sein gelb-blaues Zelt schlug der 42-Jährige im Wald auf, trotz seiner Angst vor Krabbeltieren. Aber er wollte auch nicht mit anderen obdachlos gewordenen Schicksalsgenossen an einem Ort campen. Lello baute ein Feldbett auf und stellte ein Regal für Essen und Kleidung daneben. In einer Ecke stapelte er die saubere Kleidung, in eine andere kam die schmutzige.

Meist stand Lello gegen sieben Uhr morgens auf. Zum Waschen suchte er Toiletten eines Supermarkts auf. Von den Lebensmitteln, die er von Helfern bekam, musste er vieles weitergeben – denn um Nudeln und Soße zu bereiten, hätte er Töpfe, Pfannen und vor allem eine Kochgelegenheit mit Strom gebraucht. Oft ernährte er sich einfach von Müsliriegeln und Brot mit Erdnussbutter.

Einen Großteil des Tages verbrachte Jeff Lello auf der Straße, bettelnd um Geld, Essen und Gelegenheitsjobs. „6 Wochen ohne Unterstützung“, hatte er auf ein Schild geschrieben, das er neben sich stellte. Jede Woche änderte er die Zahl ab, während er weiter auf sein Arbeitslosengeld wartete.

Die meisten Menschen hätten ihn nicht beachtet, erklärt Lello. „Ich glaube, das meiste, was ich bekam, war ein Dollar und eine Tüte Orangen.“ Das Betteln selbst sei aber nicht das Schlimmste gewesen, sagt er, sondern die fehlenden Begegnungen seien es gewesen. Die Leute seien so nahe an ihm vorbeigekommen, aber es habe keinen Kontakt gegeben. „Ich war wirklich, wirklich allein.“

Die heißesten Stunden verbrachte Lello meist in der Bücherei, wo er sein Handy auflud und Bewerbungen abschickte. Immer wieder checkte er vergeblich, ob sein Geld endlich da war. Und immer wieder versuchte er vergeblich, nachzufragen, wann es denn endlich ausgezahlt würde.
Der Sommer kam, aber kein Geld. Eine manisch-depressive Störung, mit der Lello seit Jahren zu kämpfen hatte, setzte ihm weiter zu. Die kostenlose Behandlung dafür gab es jetzt auch nicht mehr. Was den Arbeits- und Obdachlosen über Wasser hielt, war das Laufen, das er vor einiger Zeit aufgenommen hatte.

Jedes Mal, wenn er schweißnass zurückkam, fühlte er sich wieder besser. Doch abends plagte ihn die Verlorenheit. Lello schrie in sein Kissen, Suizidgedanken drängten sich in den Kopf. „Morgens arbeite ich daran, zuversichtlich zu sein und meinen Körper aufzubauen, und nachts will ich mich zerstören, weil es keine Hoffnung gibt“, beschreibt Lello das Auf und Ab.

Nur seine engste Freundin Amanda schaute gelegentlich vorbei. Zu ihr ließ Lello auch seine Post schicken. Ende Juli rief Amanda dann schließlich mit der erlösenden Nachricht an: Das Arbeitslosengeld und der ausstehende Lohn waren da – 4 800 Dollar (rund 4 000 Euro).
Mittlerweile hat auch das Steakhouse wieder eingeschränkt geöffnet, und Lello hat zwei Einsätze pro Woche angeboten bekommen. Für den Lebensunterhalt reicht das nicht, aber für Lello ist es ein Anfang. Vom Zelt ist er inzwischen in einen Van umgezogen.

In die Hoffnung mischen sich aber Angst und Bitterkeit. Als er am meisten Hilfe brauchte, habe er keine gefunden. Er wolle nie wieder so abhängig sein, sagt Jeff Lello nach der Erfahrung der vergangenen Monate: „In harten Zeiten wird keiner für dich da sein.“

(dpa)