Corona tut der Tierwelt gut Wilde Tiere genießen neue Freiräume

Madrid · Wegen der Virus-Krise sind die Straßen in vielen Ländern seit Wochen leer. Das nutzen die vierbeinigen Einwohner. Tierschützer freuen sich.

 Ein Puma streift in Zeiten von Corona seelenruhig durch die Straßen von Santiago in Chile. Das Tier kam offenbar auf der Suche nach Beute aus den nahegelegenen Bergen hinunter in die Stadt.

Ein Puma streift in Zeiten von Corona seelenruhig durch die Straßen von Santiago in Chile. Das Tier kam offenbar auf der Suche nach Beute aus den nahegelegenen Bergen hinunter in die Stadt.

Foto: dpa/Francisco Castillo

(dpa) Ein junger Puma streift durch Chiles Hauptstadt Santiago, Wildschweine gehen auf den Luxus-Avenues in Barcelona spazieren und Pfaue schlendern seelenruhig durch das Zentrum von Madrid. Die strenge Ausgangssperre wirkt sich nicht nur in dem von der Corona-Pandemie schwer betroffenen Spanien allem Anschein nach auf das Verhalten von Tieren aus, die sich sonst nur in Wäldern, ländlichen Gebieten oder direkt am Wasser aufhalten. Auch in anderen Ländern – wie Chile – scheinen Tiere die von den Menschen wegen des Virus zuletzt verlassenen Räume (zurück-)erobern zu wollen.

 Die Experten in Spanien glauben nicht an Zufall. Dass die Städte in dem Land seit Inkrafttreten der strikten Ausgangssperre am 15. März zum Teil völlig leer seien, dass die Umwelt deutlich sauberer sei und es auch viel weniger Verkehr gebe, habe „einen Balsameffekt für die Tierwelt“, meint Roberto Harta­sánchez von der Stiftung zum Schutz von Wildtieren (Fapas). Ángel Sánchez vom Ehrenamtlichen Verband für die Zählung des Iberischen Wolfs sagte der Zeitung El País, es gebe mehrere Berichte, wonach sich auch dieses Raubtier zuletzt verstärkt in bewohnte Gebiete vorgewagt habe. „Wir erwarten, dass die Wölfe bei der Fortpflanzung mehr Erfolg haben werden, weil sie nun weniger Störungen ausgesetzt sind“, sagte Experte Sánchez. Im andalusischen Almería hofft auch Emilio González von der Umweltschutzorganisation Serbal, dass die neue Situation einigen der vom Aussterben bedrohten oder der stark gefährdeten Arten – wie dem Habichtsadler oder der Europäischen Wildkatze – dabei hilft, sich wieder besser vermehren zu können.

Positive Effekte sehen Tierschützer nicht nur in den Städten: „Auf dem Land sehen wir derzeit bei Raubvögeln, bei Mardern, ganz allgemein bei Raubtieren und Pflanzenfressern mehr Pärchen als früher“, erzählt der Präsident der Organisation zur Rehabilitation der Heimischen Fauna (Grefa), Ernesto Álvarez.

Nicht nur in Spanien erobern die Tiere die Städte. Auch in Wales, in Südamerika und in Asien werden Tiere, die sich sonst nur äußerst selten in die von Menschen bewohnten Räume wagen, offenbar immer mutiger und frecher. In Chiles Hauptstadt Santiago streifte zuletzt ein junger Puma durch die Straßen. Das Tier kam offenbar auf der Suche nach Beute aus den nahegelegenen Bergen hinunter in die Stadt. Da kaum Menschen auf den Straßen waren, lief der Puma bis in die Wohngebiete. Wie die Behörden mitteilten, wurde das etwas mehr als ein Jahr alte Exemplar betäubt, untersucht und später wieder ausgewildert.

Im Stadtpark Hajarkon in Tel Aviv lebten nach einem Bericht der Zeitung Haaretz schon vor der Corona-Krise zehn Schakal-Familien. Doch seit auch in Israel weitgehende Ausgangsbeschränkungen gelten, zeigten sich die Tiere vermehrt nun auch auf Parkwegen. Auf den leeren Straßen der Hauptstädte Indiens und Nepals, wo normalerweise Millionen Menschen unterwegs sind, tummeln sich unterdessen besonders viele Affen und Hunde.

In Venedig posteten Menschen Bilder und Videos von Kanälen, die sauberer als sonst erscheinen und in die Fische zurückkehrten. „Die Natur erobert ihren Raum zurück“, schreiben Nutzer der Gruppe Venezia Pulita (Sauberes Venedig). In Bogotá wurden Füchse gesichtet, in San Francisco Kojoten, und im japanischen Nara eine ganze Hirschherde, die aus einem Park ausgebrochen war.

Der World Wildlife Fund (WWF) äußerte in Spanien allerdings die Sorge, dass die Pandemie einem Besiedlungsprojekt für Gänsegeier in Segovia erheblich schaden könnte. Der Grund: Alle Restaurants seien geschlossen, der Aasfresser werde daher kaum Nahrung finden. Wo weniger Menschen unterwegs sind, gibt es logischerweise weniger Essensreste, die aber für einige Tiere lebensnotwendig sind. In der thailändischen Provinz Lop Buri wurden zum Beispiel Affen gefilmt, die sich besonders heftig um Essensreste stritten.

 Ziegen stehen auf einer Straße im walisischen Llandudno, die aufgrund des Coronavirus nur schwach befahren ist.

Ziegen stehen auf einer Straße im walisischen Llandudno, die aufgrund des Coronavirus nur schwach befahren ist.

Foto: dpa/Peter Byrne
 HANDOUT - 12.04.2020, Israel, Tel Aviv: Ein Schakal sitzt auf einer Straße in der Innenstadt, während eine Joggerin vorbeiläuft. Foto: Gideon Markowicz/JINI/XinHua/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

HANDOUT - 12.04.2020, Israel, Tel Aviv: Ein Schakal sitzt auf einer Straße in der Innenstadt, während eine Joggerin vorbeiläuft. Foto: Gideon Markowicz/JINI/XinHua/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: dpa/JINI

Eine Passantin in der spanischen Urlaubshochburg Benidorm, die sonst auch im Frühjahr überfüllt ist, erlebte auf einer leeren Straße eine Attacke, die an den Alfred-Hitchcock-Thriller „Die Vögel“ von 1963 erinnerte. Die ältere Frau mit Einkaufs-Rolli wurde von einem Schwarm weißer Tauben umflattert. Viele Spanier sagen, viele Vögel wirkten zuletzt deutlich aggressiver. „Die Tauben haben Hunger“, titelte die Zeitung La Vanguardia.

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