Warnung vor "Loverboys"

Heidelberg. Sie machen sich an junge Mädchen heran, umgarnen sie - und zwingen sie nach einer Vergewaltigung zur Prostitution: So genannte "Loverboys" sind inzwischen auch in Deutschland aktiv, betonte die ehemalige Kriminalkommissarin Bärbel Kannemann bei einem Vortrag am Donnerstag in Heidelberg

Heidelberg. Sie machen sich an junge Mädchen heran, umgarnen sie - und zwingen sie nach einer Vergewaltigung zur Prostitution: So genannte "Loverboys" sind inzwischen auch in Deutschland aktiv, betonte die ehemalige Kriminalkommissarin Bärbel Kannemann bei einem Vortrag am Donnerstag in Heidelberg. "Seit einem Interview mit einem deutschen TV-Sender vor sieben Monaten haben sich bei mir über 30 Hilfe suchende Mädchen und betroffene Eltern aus Deutschland gemeldet", sagte die 62-Jährige. "Da die offizielle BKA-Statistik für die vergangenen zwei Jahre bisher nur drei Fälle aufweist, gehe ich insbesondere für Deutschland von einem großen Dunkelfeld aus."

Eine niederländische Fernsehsendung hatte Kannemann 2004 auf das Thema gebracht. Nach der Sendung traf sie sich mit den Eltern einer 13-Jährigen, die mehrfach von einer Gruppe von Männern vergewaltigt worden war - gezwungen von einem jungen Mann, der dafür abkassierte. Kannemann begann zu dem Thema zu recherchieren und baute nach immer neuen Begegnungen mit Opfern die niederländische Hilfsorganisation "StopLoverboysNU" auf. Weil sie bedroht wird, lebt sie an einem geheimen Ort in den Niederlanden.

Die Methode, "Frischfleisch" für Freier zu organisieren, die sich für Mädchen zwischen elf und 16 interessieren, unterscheidet sich nach Kannemanns Worten zwischen den Niederlanden und Deutschland kaum. Über Internet-Chats würden potenzielle Opfer zuerst ausgefragt. Nach drei bis vier Treffen unterbreite der "Loverboy" in der Regel den Vorschlag, mit dem Auto zu einem Geburtstag zu fahren. Doch das arglose Mädchen werde an einen abgelegenen Ort, wie einen dunklen Parkplatz, gebracht, wo schon Freier auf ihre Vergewaltigung warteten. Die Mädchen wehrten sich besonders aus Schamgefühl nicht und verheimlichten die Vergewaltigungen, zumal sie nach dem Motto "Dann weiß jeder, dass du die größte Hure der Stadt bist" erpresst würden. Bei den Taten würden oft auch Bilder gemacht oder Filme gedreht, mit denen die Opfer zur weiteren Prostitution gezwungen würden.

Obwohl Kannemann Opfer aus allen Schichten kennt, räumt sie ein, dass "sowohl Täter als auch Opfer überwiegend aus anderen Kulturkreisen kommen". Deshalb sei vor allem für Mädchen und Eltern mit Migrationshintergrund Aufklärung wichtig. Das Delikt "Loverboy" gebe es bisher nicht.

Der Geschäftsführer des Vereins Kommunale Kriminalitätsprävention Rhein-Neckar, Günther Bubenitschek, hält die "Loverboys" für ein "Thema wie früher die häusliche Gewalt, über die zuerst auch niemand sprechen wollte und niemand etwas wusste". Nötig sei eine Sensibilisierung der Bevölkerung und dass die Opfer bestärkt werden, sich zu melden. "Sowohl Täter als auch Opfer kommen überwiegend aus anderen Kulturkreisen."

Kriminalexpertin

Bärbel Kannemann

Kriminalexpertin Bärbel Kannemann mit einem Plakat zum Thema "Loverboys". Foto: dpa.