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Wahlloses Durchleuchten kann schaden

Wahlloses Durchleuchten kann schaden

Wenn der Rücken weh tut, sofort zum Arzt und durchleuchtet werden? Bei Schmerzen im Kre uz reagieren Patienten und Ärzte oft übertrieben, zeigt eine Studie.

Rückenschmerzgeplagte Patienten werden einer Studie zufolge noch immer zu häufig geröntgt oder in den Tomographen geschoben. Die meisten Patienten überschätzen dabei den Nutzen von bildgebenden Verfahren, so das Ergebnis einer Untersuchung mitsamt Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Demnach geht jeder fünfte Versicherte mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt. Das sind 38 Millionen Arztbesuche. Auch wenn die Zahl der Röntgenuntersuchungen bei Rückenbeschwerden seit 2009 leicht rückläufig ist, halten die Experten noch immer viele der sechs Millionen Bildaufnahmen mit Röntgengerät, Computer- oder Magnetresonanztomograph für vermeidbar. Insgesamt wurden 2015 pro 1000 Patienten mit Rückenschmerzen 375 Bilder erstellt - zu viel, kritisiert etwa Rainer Braunschweig, Klinik-Direktor in Halle. So wurde jeder fünfte Patient bereits im Quartal der Erstdiagnose durchleuchtet. Dabei empfehlen die medizinischen Leitlinien dies frühestens, wenn herkömmliche Therapien wie Schmerzmittel oder Krankengymnastik keinen Erfolg hatten. In über der Hälfte der Fälle hatte es jedoch vor der Bildaufnahme gar keinen Therapieversuch gegeben. 21 Prozent der Patienten wurden in den fünf Jahren nach ihrer Diagnose zwei- bis dreimal durchleuchtet, sieben Prozent öfter als viermal. Bei jedem sechsten Patienten veranlassten Mediziner eine Aufnahme, ohne dass es Warnhinweise auf einen ernsthaften Krankheitsverlauf gab. Ohne solche Hinweise sehen die Leitlinien keinen Anlass für ein Bildgebungsverfahren.

Gleichzeitig offenbart die Studie erhebliche regionale Unterschiede: So gehen Menschen in Berlin häufiger mit Rückenschmerzen zum Arzt als in Hamburg oder Schleswig-Holstein. Im Osten durchleuchten Hausärzte und Orthopäden Patienten um bis zu ein Drittel seltener als im Rest der Republik. Allerdings können Ärzte entgegen der Erwartungen einer Mehrheit von Patienten (69 Prozent) auch mit bildgebenden Verfahren meistens keine spezifische Ursache für den Schmerz feststellen. Tatsächlich gelten 85 Prozent der akuten Beschwerden als unkompliziert und verschwinden wieder. Dennoch ist jeder zweite der Umfrage zufolge davon überzeugt, dass man bei Rückenschmerzen immer einen Arzt aufsuchen muss. 60 Prozent erwarten eine Untersuchung mittels bildgebender Verfahren, um den Schmerz zu ergründen. Solche Erwartungen rückten die Ärzte oft nicht zurecht, hieß es. Weitere Untersuchungen und eine Verunsicherung des Patienten seien die Folge.

Was ist noch denkbar? Schlimmstenfalls könne eine übersteigerte Aufmerksamkeit dazu führen, dass die Schmerzen chronisch werden. Andersherum bleiben mögliche Einflussfaktoren unentdeckt. "Viele Ursachen wie Stress, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz oder Bewegungsmangel lassen sich eben auf keiner Röntgen- oder MRT-Aufnahme erkennen", erklärt Jean-Francois Chenot von der Universität Greifswald.