"Verdammt gute Musik"

Los Angeles. Das Lied handelt von nächtlicher Einsamkeit, doch davon konnte für Lady Antebellum keine Rede sein

Los Angeles. Das Lied handelt von nächtlicher Einsamkeit, doch davon konnte für Lady Antebellum keine Rede sein. Das Country-Trio aus Tennessee hat am späten Sonntagabend (Ortszeit) mit seinem Song "Need You Now" die Grammy-Verleihung in Los Angeles überrannt und gleich fünf der wichtigsten Musikpreise der Welt abgeräumt - darunter die Auszeichnung für den besten Song und die beste Aufnahme 2010. Das Lied - nicht hundertprozentig Country, sondern sehr poppig - bekam auch die Preise für den besten Country-Song und die beste Country-Darbietung, außerdem lieferte Lady Antebellum das beste Country-Album ab. Der Erfolg war gleichermaßen überragend wie überraschend. Haben die Amerikaner nach der großen Krise wieder Lust auf Bodenständiges? Auf drei junge Leute, die sich, ganz ohne Castingshow, einfach zum Musikmachen getroffen haben und ihre Stücke auch noch selbst schreiben?

Scheint so. Denn für die eigentlichen Favoriten war der Abend eine Enttäuschung. "Die Grammys sind bei der Auswahl der Gewinner schon berüchtigt bizarr", sagte MTV-Musikexperte James Montgomery. "Eminem dürfte ziemlich glücklich sein, wie alles 2010 gelaufen ist. Aber es war absolut schockierend, dass er nicht gewonnen hat." Dabei hatte der Rapper gewonnen - gleich zweimal. Nominiert war der 38-Jährige jedoch zehn Mal, öfter als jeder andere. Und die beiden Trophäen, die er letztlich bekam, waren nicht aus der Gruppe der Hauptpreise, obwohl er für alle nominiert war. Denn auch beim Album des Jahres jubelten Außenseiter: Die kanadische Band Arcade Fire wurde für ihr Werk "The Suburbs" ausgezeichnet.

Eminem war also nicht der einzige Favorit, der in der gewaltigen Show plötzlich nicht mehr auftauchte. Katy Perry brachte noch, im Gegensatz zum fast dreimal so alten Mick Jagger bei seiner ersten Grammy-Show, den Saal zum Kochen - aber nicht eines der Grammophone durfte sie mit nach Hause nehmen. Und Justin Bieber meldet zwar Verkaufserfolge mit seinem Konzertfilm. Aber auch der 16-Jährige verfolgte überrascht, dass nicht er, sondern Esperanza Spalding den Preis als bestes Nachwuchstalent bekam. Artig gratulierte der Kanadier der zehn Jahre älteren Jazzmusikerin.

Wie jedes Jahr bot die Grammy-Gala eine Bühne für spektakuläre Auftritte. Lady Gaga - die exzentrische Pop-Künstlerin gewann drei Grammophone - ließ sich von dürftig geschürzten Trägern in einem großen Ei in den Saal schleppen, dem sie in einem kükengelben Kunststoffkostüm entschlüpfte. Rapstar Cee Lo Green setzte sich in einem papageienbunten Federkleid an den Flügel, auf dem sich Gwyneth Paltrow räkelte. Insgesamt war zu beobachten: Die Shows werden immer ausgefeilter und ausgefallener.

Wie passt da der Erfolg von Lady Antebellum, einer Gruppe, deren Musikvideo etwa so aufwendig produziert ist wie der Kinowerbespot des örtlichen Versicherungsvertreters? "Vielleicht", sagte ein Musikkritiker auf dem Sender CBS, "vielleicht liegt es ja daran, das Lady Antebellum einfach verdammt gute Musik macht."

Das gilt sicherlich auch für das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin und den Rundfunkchor der Hauptstadt: Für ihre gemeinsame Opernaufnahme von "L'Amour De Loin" unter der Leitung des amerikanischen Dirigenten Kent Nagano erhielten sie einen der begehrtesten Klassik-Grammys. "Die Grammys sind bei der Auswahl

der Gewinner berüchtigt bizarr."

MTV-Musikexperte James Montgomery