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Türkei will Knast für "Fergie"

Türkei will Knast für "Fergie"

Istanbul. Niemand wird bezweifeln, dass die Bilder schockierend und eindrucksvoll waren. Als eine Gruppe von Besuchern vor vier Jahren die Räume eines Heims für Waisenkinder und geistig Behinderte in der Nähe der türkischen Hauptstadt Ankara betraten, reckten sich ihnen Dutzende kleine Hände entgegen

Istanbul. Niemand wird bezweifeln, dass die Bilder schockierend und eindrucksvoll waren. Als eine Gruppe von Besuchern vor vier Jahren die Räume eines Heims für Waisenkinder und geistig Behinderte in der Nähe der türkischen Hauptstadt Ankara betraten, reckten sich ihnen Dutzende kleine Hände entgegen. Einige Kinder waren an ihr Bett oder an Bänke gefesselt; zwei erwachsene Frauen lagen in ihrem Kot.Der Gestank war so überwältigend, dass die Besucher aus Großbritannien würgen mussten und das Heim so schnell wie möglich wieder verließen. Zurück blieben verzweifelte Insassen und ein völlig überfordertes Personal, die nicht wussten, wen sie da vor sich gehabt hatten: Sarah Ferguson, Herzogin von York und Ex-Ehefrau des britischen Prinzen Andrew. Nun soll der heimliche Besuch von damals in der Türkei ein juristisches Nachspiel haben - und "Fergie" soll ins Gefängnis.

Zusammen mit Journalisten eines britischen Fernsehsenders besuchte die Herzogin im September 2008 zwei Waisenhäuser in Ankara und Istanbul und ließ die Szenen in den Schlafsälen heimlich filmen. Sich selbst tarnte "Fergie" mit einer schwarzen Sonnenbrille und einem Kopftuch, mit dem sie ihr rotes Haar verhüllte. Die ehemalige Skandalnudel der britischen Königsfamilie engagiert sich seit Jahren für wohltätige Zwecke, etwa für Kinderrechte und Krebsopfer.

Doch jetzt soll die Herzogin wegen ihrer damaligen Aufnahmen in der Türkei für 22 Jahre und sechs Monate ins Gefängnis: Das fordert zumindest die Ankaraner Staatsanwaltschaft in einer am Donnerstag bekannt gewordenen Anklage. "Fergie" habe mit den mit versteckter Kamera aufgenommenen Filmen die Persönlichkeitsrechte von fünf abgebildeten Kindern verletzt.

Es ist allerdings äußerst unwahrscheinlich, dass Ferguson in Ankara vor Gericht erscheinen wird; eine Aufforderung der türkischen Justiz, sie solle eine Verteidigungsschrift einreichen, ignorierte die Herzogin. Ohnehin sorgt sich die türkische Staatsanwaltschaft in anderen Fällen, etwa wenn es um die Anklage gegen Steine werfende Jugendliche geht, nicht ganz so rührend um die Rechte von Minderjährigen - die Anklage gegen die Herzogin ist daher vor allem eine symbolische Geste der Verärgerung.

Schon als die Erlebnisse der Herzogin ausgestrahlt wurden, war die Regierung in Ankara fuchsteufelswild. Von einer anti-türkischen Kampagne "dieser Sarah" sprach die damalige Frauen- und Kinderministerin Nimet Cubukcu. Ferguson sei als Gegnerin einer türkischen EU-Mitgliedschaft bekannt und habe mit der Mission politische und anti-türkische Motive verfolgt. Die Türkei beantragte sogar allen Ernstes die Auslieferung der Herzogin - was Großbritannien natürlich ablehnte. Der Ärger der Türken galt und gilt vor allem der Tatsache, dass eine prominente Ausländerin die Missstände dokumentierte und das Land damit international anprangerte.

Meinung

Unwürdiges Schauspiel

Von SZ-MitarbeiterinSusanne Güsten

Dass es für ein Land nicht angenehm ist, dass eine Prominente auf der internationalen Bühne schlimme Missstände anprangert, ist verständlich. Aber dass die Staatsanwaltschaft in Ankara mehr als 22 Jahre Haft für Sarah Ferguson fordert, weil sie vor vier Jahren heimlich die Zustände in einem türkischen Waisenhaus filmte, ist nicht nur lächerlich, es ist ein für die Türkei unwürdiges Schauspiel. Mit der Anklage versucht die Behörde wohl nur, ein Signal an Kritiker im Ausland zu senden. Doch dort wird das Signal anders verstanden: als Botschaft, dass die Türkei lieber die Enthüller von Skandalen verfolgt als die Verursacher. Die Staatsanwaltschaft sollte besser gegen jene ermitteln, die für die von Ferguson dokumentierten Zustände verantwortlich sind.