Tragödie um Familien-Gefängnis

Tragödie um Familien-Gefängnis

Paris/Saint-Nazaire. Manchmal hörte man Türen schlagen oder Weinen und Schreie von Kindern, die niemals jemand sah. Die schlechten Gerüche aus der Wohnung störten so sehr, dass Pascale Le-Gall, die ein Stockwerk darüber wohnt, sich sogar gefragt hat, "ob es nicht einen Toten in dieser Wohnung gibt"

Paris/Saint-Nazaire. Manchmal hörte man Türen schlagen oder Weinen und Schreie von Kindern, die niemals jemand sah. Die schlechten Gerüche aus der Wohnung störten so sehr, dass Pascale Le-Gall, die ein Stockwerk darüber wohnt, sich sogar gefragt hat, "ob es nicht einen Toten in dieser Wohnung gibt". Dennoch konnte sich keiner der Nachbarn vorstellen, was sich wirklich abspielte hinter der Tür Nummer fünf in der Route Fréchets Nummer 55, mitten in der westfranzösischen Hafenstadt Saint-Nazaire.Ein Mann hielt dort seine Frau und ihre vier gemeinsamen Kinder im Alter von 14, 17, 19 und 20 Jahren eingesperrt. Zwischen ein und drei Jahren hatte sie keiner mehr gesehen. Die Fensterläden blieben geschlossen. Der 51-Jährige, der stets eine Kappe über den halblangen Haaren trug, den Kopf tief senkte und nie grüßte, sei ihr wie ein "Wilder" vorgekommen und sie habe sich vor ihm gefürchtet, sagt Pascale Le-Gall den Medien, die das Haus belagern, seit dort eine Art Familien-Gefängnis entdeckt wurde.

In der Nacht auf Sonntag hatte die 47-jährige Mutter einen Schwächeanfall vorgetäuscht und die Feuerwehr kommen lassen. Diese fand in der völlig verwahrlosten Wohnung, deren Wände schimmlig und die Decken schwarz vor Feuchtigkeit waren, die drei Mädchen und einen Jungen in einem apathischen, deprimierten Zustand vor. Sie wiesen extreme Entwicklungsrückstände auf, erklärten die Ermittler. Der Vater wurde in eine psychiatrische Anstalt gebracht, die Kinder in ein Krankenhaus. Die Mutter wurde verhört, ebenso wie eine ältere Tochter, die nicht mehr bei der Familie wohnt. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen wegen Vernachlässigung der Kinder eingeleitet. "Die Freiheitsberaubung ist nicht erwiesen", sagt der zuständige Staatsanwalt: "Es gibt keine Hinweise auf körperliche Gewalt, sexuelle Aggression oder Vergewaltigung."

Im Jahr 2006 war der Familienvater nach der Warnung eines Schularztes, der den Verdacht hatte, eine der Töchter sei vergewaltigt worden, verhört worden. Die Akte wurde wieder geschlossen. Nichts habe auf die Tragödie hingewiesen, die sich vielleicht jahrelang in dem Appartement abspielte, erklärt der Sprecher des Sozialwohnungs-Amtes von Saint-Nazaire, Benoît Delliaux. "Wir sind ebenso ratlos wie alle anderen auch." Die Familie habe die Wohnung vor mehr als zehn Jahren bezogen und die Miete von 350 Euro stets bezahlt. Den aufmerksameren Hausbewohnern erschien es lediglich merkwürdig, welche Mengen an Lebensmitteln der 51-Jährige für eine alleinstehende Person einkaufte. Sie dachten, die Frau sei mit den Kindern weggegangen. In den 90er und 2000er Jahren wurde die Familie von Sozialpädagogen begleitet und erhielt später Unterstützungen für öffentliche Transportmittel, Schwimmbad und Weihnachtsbons für die Kinder. Offene Rechnungen habe es nicht gegeben. Nur offene Fragen bleiben.