Todesdrama im Meer

Sechs portugiesische Studenten wurden im Dezember angeblich am Strand von einer Riesenwelle fortgerissen. Nach neuen Hinweisen könnten sie aber Opfer eines geheimen Studenten-Rituals geworden sein.

Die Tragödie der sechs portugiesischen Studenten, die Mitte Dezember am Atlantik vermeintlich von einer Monsterwelle verschluckt wurden, hat eine grausame Wendung genommen. Die vier Frauen und zwei Männer wurden möglicherweise bei einer erbarmungslosen Begrüßungs-Zeremonie getötet. Die sechs Studenten einer großen Privat-Universität in Lissabon mussten sich am Abend des 15. Dezember schwarz kleiden und einen Umhang tragen. Danach: Liegestütze bis zum Umfallen machen. Auf allen vieren über den Boden kriechen. Und kurz vor Vollmond mit Steinen an den Knöcheln vom Dorf Aiana zum Strand Praia do Meco marschieren. Zeugen erinnern sich an die merkwürdige Gruppe.

Die sechs Opfer waren jedoch keine Erstsemester, sondern ältere Studenten und Mitglieder eines jener inoffiziellen Komitees, wie es sie an vielen Universitäten des Landes gibt. Die Komitees organisieren die fragwürdigen "Begrüßungsrituale" für Uni-Anfänger. Ihr Anführer, der im Studentenjargon "Herzog" genannt wird, hatte offenbar für seine "Untergebenen" eine Art "Ausbildungswochenende" am Strand angesetzt. Was dann genau am Strand geschah, beschäftigt inzwischen einen portugiesischen Untersuchungsrichter.

In Portugals Uni-Szene kennt man die erniedrigenden Traditionen, mit denen Uni-Anfänger gepeinigt werden. Dazu gehören etwa die Verpflichtung zum Komasaufen oder auch Beschimpfungen durch eine Studenten-Gruppe. Liegt die Universitätsstadt in Küstennähe, wird auch gern folgendes "Spiel" praktiziert: Die "Prüfungskandidaten" müssen sich am Strand an der Wasserlinie aufstellen und Fragen beantworten. Bei jeder falschen Antwort müssen die "Versager" einen Schritt ins Wasser gehen.

In der Nacht des Unglücks rollten meterhohe Wellen herein, das Wasser war winterlich kalt. Die Bucht ist als gefährlich bekannt. Der einzige Überlebende ist ausgerechnet jener "Zuchtmeister", der die Torturen anordnete. Er alarmierte gegen drei Uhr morgens die Rettungskräfte. Berichtete von einer "Monsterwelle", die seine Kommilitonen überrascht habe. Doch die Eltern der sechs jungen Todesopfer hatten sich jüngst mit einem Appell an die Öffentlichkeit gewandt und rückhaltlose Aufklärung gefordert. Weit über 100 Hinweise und Zeugenaussagen gingen ein - und erschütterten offenbar die Aussage des "Herzogs". In Portugal begann eine öffentliche Debatte, ob derartige Studentenexzesse nicht gesetzlich verboten werden sollten. Der portugiesische Jugendstaatssekretär Emídio Guerreiro bezeichnete derart erniedrigende Rituale als "illegale Akte, die bestraft werden müssen".

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