Stille Nacht, kitschige Nacht

Berlin · Elegant und festlich sind sie nicht, trotzdem tragen auch in Deutschland immer mehr Menschen Weihnachtspullover. In den USA ist der „Ugly Christmas Sweater“ Kult – sogar Wachsfiguren machen mit.

Die englische Königsfamilie steht nicht gerade im Verdacht, sich modische Fehltritte zu leisten. Ganz im Gegenteil. Schließlich haben die Royals elegante Zweireiher und Navy-Blazer erst so richtig bekannt gemacht. Kent- und Windsor-Krawattenknoten wurden gar nach Prinzen der Familie benannt. Trotzdem grinsen die Doppelgänger der Royals im Wachsfigurenhaus Madame Tussaud's in London dem Besucher in ausgefallener Strickware entgegen. Die ist mit fetten Pinguinen verziert oder ähnelt dem Kostüm eines Weihnachtselfen.

Natürlich haben die Betreiber des weltberühmten Kabinetts dies nicht aus Bosheit getan. Anlass für diese Maskerade ist der "Christmas Jumper Day". Seit einigen Jahren ist den "Ugly Christmas Sweaters", also "hässlichen Weihnachtspullovern", in Großbritannien im Dezember dieser eigene Tag gewidmet. Der Siegeszug der Pullis begann in den USA und Großbritannien spätestens 2001, als Colin Firth im Film "Bridget Jones" in einem schaurig-schönen Weihnachtspullover auftauchte. Seitdem hat sich um die Kleidungsstücke ein echter Kult entwickelt. Hinter dem Trend steckt aber nicht nur reiner Spaß. Fußballvereine und wohltätige Organisationen verkaufen die ausgefallenen Pullis, um Spenden zu sammeln. Der Trend schwappt nun auch nach Deutschland rüber.

"Was Mode anbelangt, werden die Deutschen durchaus mutiger", sagt Axel Augustin vom Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels. Das könne dann auch dazu führen, dass die Bundesbürger plötzlich solche Pullover kaufen. Gerd Müller-Thomkins sieht bei Weihnachtspullis den Spaß im Vordergrund. Für den Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts seien die Pullis "irgendwo zwischen Kunst und Kitsch" angesiedelt.

Neben den großen Modehändlern haben auch deutsche Fußballvereine den Pullovertrend erkannt. Als sportliche Trendsetter sind unter anderem Bayern München, Schalke 04 und der 1. FC Köln hierzulande dabei. Die Bundesliga-Clubs haben ihre eigenen Weihnachtspullover herausgebracht. Statt Rentier oder Weihnachtsmann schmückt bei den Kölnern das Vereinswappentier, der Geißbock Hennes, den roten Pulli. Mit den Worten "Schäbbisch aber Oho" preisen die Rheinländer ihren Fanartikel an. Für die Fußballer in der englischen Premier League sind Weihnachtspullover bereits ein alter Hut. Ein großes Rentier mit Mütze und roter Nase prangt auf der Brust der Arsenal-Spieler.

Was sich nach Klamauk anhört, hat durchaus einen ernsten Hintergrund. Die Organisation "Save the Children" sammelt am Tag der Weihnachtspullover Spenden für notleidende Kinder. Auch der FC Arsenal spendet 20 Prozent seines Erlöses aus dem Weihnachtspulli-Verkauf.

Einen Weihnachtspullovertag gibt es in Deutschland noch nicht. Müller-Thomkins vom Mode-Institut sieht den Trend hierzulande allerdings erst am Anfang und kann sich vorstellen, dass der "Ugly Christmas Sweater" in den nächsten Jahren beliebter wird. Derzeit werde "Weihnachten vielleicht noch viel zu ernst genommen".