„So etwas gibt es doch nur im Fernsehen“

„So etwas gibt es doch nur im Fernsehen“

Ein Mann, der bisher niemandem als auffällig erschienen ist, hat im fränkischen Leutershausen mit einem Amoklauf für Schrecken gesorgt. Opfer sind eine 82-jährige Frau, die im Oktober Goldene Hochzeit feiern wollte, und ein 72-jähriger Radfahrer.

Als Leutershausens Bürgermeister Siegfried Heß am Freitagmittag im Ortsteil Tiefenthal ankommt, scheint dort eine heile Welt in Trümmern zu liegen. Eine 82-jährige frühere Bauersfrau liegt erschossen vor ihrem Haus, hinter einem Fenster steht ihr Witwer und blickt verstört auf den Tatort, wie Heß später berichtet. Die erwachsene Tochter des Paares läuft weinend über das Grundstück. "Wir dachten bis heute Vormittag bei uns im Ort, so etwas gibt es nur im Fernsehen oder in Amerika", sagt der CSU-Bürgermeister. 5500 Einwohner zählt Leutershausen samt seiner Bauernschaften, eine ländliche, friedlich wirkende fränkische Gegend.

Ein Mann, der bisher niemandem als auffällig erschienen ist, soll dort nun mit einem Amoklauf für Schrecken gesorgt haben. Bernd G., ein 47-Jähriger aus Ansbach , ist für die Staatsanwaltschaft der dringend Tatverdächtige. G. nimmt sich nach den ersten Ermittlungen am Freitagvormittag das Mercedes-Cabriolet seines Vaters und fährt von seinem Zuhause die zehn Kilometer in Richtung Tiefenthal. Vor ihrem Haus erschießt er dort die Seniorin - ob er sich vorher mit ihr unterhalten hat oder einfach gefeuert, wissen die Ermittler noch nicht. Wenige Kilometer weiter erschießt er auf freier Strecke ein zweites Zufallsopfer: Ein ebenfalls aus Leutershausen stammender 72-Jähriger, der sich mit einem Rucksack auf dem Rücken auf einer Radtour befand.

Nach den ersten Erkenntnissen könnte der mutmaßliche Schütze von einem psychischen Wahn geleitet worden sein. "Reichlich wirr" habe G. gewirkt, nachdem ihn Polizisten festnehmen konnten, sagt Oberstaatsanwalt Gerhard Neuhof. Ein Sachverständiger soll klären, ob G. psychiatrisch untergebracht wird.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU ) ist den Mitarbeitern einer Tankstelle besonders dankbar, dass sie noch Schlimmeres verhindert haben. Denn G. wollte offensichtlich weitermachen. Er schießt auf seiner Amokfahrt auf einen Landwirt in seinem Traktor, der Mann wird nur durch Scherben des zerborstenen Führerhauses leicht verletzt. Einen weiteren Mann bedroht er, mehrmals schießt der Amokschütze auf Häuser.

In einer Tankstelle in Bad Windsheim endet die nur gut 100 Minuten dauernde Amokfahrt dramatisch. G. läuft dort durch die Tankstelle, fuchtelt mit seiner Pistole herum und bedroht eine Verkäuferin. In einem kurzen Moment legt er aber seine Waffe ab - eine Gelegenheit, die die Verkäuferin kurz entschlossen nutzt. Sie nimmt die Waffe, rennt in die Tankstellentoilette und schließt sich ein. Zwei Mechaniker schnappen sich daraufhin den Amokschützen und überwältigen ihn. "Es ist offensichtlich dem beherzten Eingreifen dieser Tankstellenangestellten zu verdanken, dass der Täter dort gefasst wurde", sagt Herrmann.

Im Auto finden Polizisten noch eine zweite Waffe. Beide besaß der Festgenommene legal. Er hat zwar keinen Waffenschein. Er hatte aber eine Waffenbesitzkarte. Beim Kauf gab G. der Polizei zufolge an, die Waffen als Sportschütze nutzen zu wollen - ob er das je gemacht hat, ist unklar.

Bürgermeister Heß sagt, er habe noch am Donnerstagabend im Museum von Leutershausen die deutschen Waffengesetze gelobt, weil sie inzwischen so streng seien - dort hätten sie inzwischen sogar die dort ausgestellten historischen Waffen entschärfen müssen. "Und dann ist doch so etwas wie das hier möglich", sagt er fassungslos. Heß will nun mit seinen Mitarbeitern die Trauerfeier für die zwei Toten aus seiner Gemeinde vorbereiten. Eigentlich wollte er im Oktober der erschossenen 82-Jährigen gratulieren - diese hatte mit ihrem Mann schon zur Goldenen Hochzeit eingeladen.