1. Nachrichten
  2. Panorama

Rettungsstation für Pferde

Rettungsstation für Pferde

Krankheit, Scheidung, Arbeitslosigkeit: In Notlagen wird das geliebte Pony oft zur Last. Hoch oben im Norden Deutschlands nimmt Petra Teegen die Tiere in ihrer „Pferdeklappe“ auf und sucht neue Besitzer für sie.

Am Morgen stand ein winziges Pony auf der Weide - "bildschön", schwärmt Petra Teegen. Im Juli hat die 60-Jährige in Norderbrarup nahe der dänischen Grenze Deutschlands erste "Pferdeklappe" eröffnet. Bei ihr können überforderte Besitzer anonym ihr Pferd abgeben. Seitdem kommen jeden Monat etwa zehn Pferde auf ihren Hof.

Experten wie Tiermediziner Lutz Litzke von der Klinik für Pferde an der Gießener Universität halten die Initiative für eine "gute Sache". Denn die Ausgaben für Pferdehalter sind in den vergangenen Jahren gestiegen.

"Die meisten, die ihre Tiere hier abgeben, sind unverschuldet in eine Notsituation gekommen", sagt Petra Teegen, "zu jedem Pferd in Not gehört ein Mensch in Not." Die betroffenen Tierhalter erzählen Teegen von Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit: So brachten Eltern ihr das Pferd ihrer verstorbenen Tochter.

"Hierher kommen Familien, die vor der Frage stehen: Kaufen wir Futter fürs Pferd oder Obst für die Kinder?", berichtet Teegen, die jahrelang als Krankenschwester in der Onkologie gearbeitet hat. "Pferde-Petra" hieß sie früher bei den Kollegen. Seit langem schon nimmt sie auf ihrem Hof vernachlässigte Pferde auf. Früher waren es acht bis neun Tiere pro Jahr, dann kamen immer mehr. Um die Arbeit zu bewältigen, wurde ein Verein gegründet. Freunde helfen, wo sie können.

Allein im vergangenen November landeten 19 Tiere in der Pferdeklappe. Für sie sucht Teegen solvente neue Besitzer, mehr als 50 Pferde wurden bisher vermittelt. Der Preis berechnet sich nach der Zeit, die die Tiere in Norderbrarup verbrachten. "Alle einstigen Besitzer haben sicher vorher versucht, ihre Pferde zu verkaufen", schildert Teegen. Doch bestimmte Pferde - zu alt, zu jung, zu krank - könne man heute nicht einmal mehr verschenken.

Etwa eine Million Pferde gibt es in Deutschland. Die Zahl sei seit einigen Jahren gleichbleibend, sagt Tiermediziner Litzke. Doch der Unterhalt wird teurer. In den vergangenen Jahren gab es einige Preiserhöhungen, wie Susanne Hennig von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung berichtet, "etwa bei der Mehrwertsteuer, bei Futter, Strom, Wasser und Ausrüstung". Einige Kommunen planen zudem eine Pferdesteuer, was der Verband als "existenzielle Gefahr" sieht. Besonders Tierarztkosten bringen viele schnell an den Rand der finanziellen Belastbarkeit.

Mediziner Litzke geht durch den schönen alten Stall der Gießener Uniklinik. In der Stallgasse umringen vier Studentinnen einen Fuchswallach und kühlen Bauch und Beine mit einem Wasserschlauch. Das Pferd leidet seit Monaten an einer Fistel, die sich immer wieder entzündet.

Jedes Pferd besitzt einen Pass, in dem eingetragen wird, ob es am Lebensende zum Schlachter kommen kann. In Deutschland sei die Bindung zum Pferd besonders emotional, sagt Litzke. "Die meisten Besitzer schließen von vornherein aus, dass das Pferd geschlachtet werden darf." Gerieten Menschen finanziell in Not, könne das Pferd zum Problem werden. Der Tiermediziner empfiehlt Haltern eine Pferde-Krankenversicherung, wie in anderen Ländern bereits üblich.

Petra Teegen hat den Mini-Shetty, der morgens auf ihrer Koppel stand, schnell vermittelt. Eigentlich müsste es in jedem Bundesland eine Pferdeklappe geben, fordert sie. Und appelliert: Eltern sollten ihrem Kind nicht unüberlegt ein eigenes Pferd kaufen. Eine Reitbeteiligung reiche auch.