Regierung als Liebesbote

Singapur verliert seine nationale Identität, befürchtet die dortige Regierung. Deswegen sollen die Einwohner des Stadtstaats mehr Kinder kriegen. Die Regierung hilft beim Verkuppeln der gestressten Singles.

Neonlicht wirft harte Schatten auf die grauen Wände des Konferenzraums, eiskalte Luft strömt aus der voll aufgedrehten Klimaanlage. Auf den Tischen des Konferenzraums in der Nähe von Singapurs Shopping-Meile Orchard Road stehen Plastikflaschen. Was völlig fehlt, ist romantische Stimmung. Doch hier hält Michelle Goh ihr Speed-Dating-Event ab. Nur ein Poster gibt Aufschluss über den Zweck des Abends. 24 Augenpaare sind wie gebannt auf Michelle Goh gerichtet. "CompleteMe" ("Vervollständige mich") heißt ihre von der Regierung geförderte Agentur.

Die Teilnehmer sind sich der Wichtigkeit ihres Unterfangens durchaus bewusst. Nicht nur das eigene zukünftige Glück hängt davon ab, sondern auch der Fortbestand des Landes: Mit statistisch nur 1,29 Kindern pro Frau hat Singapur eine der niedrigsten Geburtenraten weltweit. Viele, vor allem Frauen, bleiben Single. Einwanderer könnten den Bevölkerungsschwund ausgleichen, doch Regierung und Teile der Bevölkerung fürchten, dass dies die nationale Identität Singapurs verwässern würde. Deshalb unterstützt die Regierung Agenturen wie die von Frau Goh - und lässt sich dies einiges kosten. Umgerechnet 1,2 Milliarden Euro im Jahr steckt der Stadtstaat mit 5,3 Millionen Einwohnern in die Familienförderung. Damit werden unter anderem Dating-Agenturen und Ratgeber für Singles gesponsert.

Die Wichtigkeit von Hautpflege

Im Konferenzraum an der Orchard Road erklärt Frau Goh den nächsten Teil des Abends: "In dieser Übung werdet ihr versuchen, Liebe auszudrücken, aber ohne Worte und Berührungen." Die hoch motivierten, gut aussehenden Singles - alle im Alter von Ende Zwanzig bis Anfang Vierzig - demonstrieren Luftküsse und jede Menge herzförmiger Verrenkungen. Und jeder will natürlich dabei besser aussehen als die anderen. Denn die große Liebe fürs Leben zu finden, ist schwierig, die Konkurrenz ist groß. Lange Arbeitszeiten, Shopping-Sucht und eine beinahe obsessive Faszination für technische Spielereien machen Flirten in Singapur zum Hürdenlauf.

"Ich hab einfach keine Zeit, jemanden kennenzulernen", sagt Speed-Daterin Vanessa und blickt von ihrem Handy auf. Nach Experten-Ansicht kommt die offizielle Gebär-Offensive zu spät. "In Singapur haben sich die wirtschaftlichen und sozialen Faktoren so stark verändert, dass das Erreichen der Reproduktionsrate der Vergangenheit angehört", sagt die Geschlechter-Forscherin Theresa W. Devasahayam. Erst bei einer Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau bleibt die Bevölkerung statistisch gesehen stabil. Also bleibt nur eines: Schnell mehr Babys kriegen.

Es gibt auch Veranstaltungen, bei denen Männer etwas über die Wichtigkeit von Hautpflege lernen, Damen bekommen Make-up-Tipps und Cocktailpartys sollen helfen, Hemmschwellen zu überwinden. Bleibt die Frage, ob das die Familienbildung anregt.

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