Opfer seiner Eitelkeit

Dass er einen Film über sein Leben drehen lassen wollte, wurde dem mexikanischen Mafia-Boss „El Chapo“ jetzt zum Verhängnis. Sechs Monate nach seiner spektakulären Flucht wurde er am Freitag festgenommen.

Größenwahn kommt bekanntlich vor der Festnahme. Am Wochenende nach der neuerlichen Verhaftung von Mexikos meistgesuchtem Verbrecher Joaquín Guzmán kamen die Details des spektakulären Zugriffs ans Licht. Und wenn es stimmt, was Generalstaatsanwältin Arely Gómez erzählte, dann fiel der mächtigste Kokainkönig des Globus' auch seiner Eitelkeit zum Opfer. Eine der vielen Spuren zu "El Chapo" (Der Kurze) sei die über Filmproduzenten und Schauspielerinnen gewesen, die Guzmán über seine Anwälte kontaktiert habe. Denn der 58-Jährige mit einer Körpergröße von kaum 1,60 Meter wollte wegen seines großen Egos einen Film über sein Leben drehen lassen. Während seiner Flucht soll Guzmán Schauspieler Sean Penn ein Interview gegeben haben. Beleg für das Treffen von Penn und Guzmán im Oktober ist ein Foto, das beide beim Handschlag zeigt.

Nun müssen andere das Drehbuch zu Ende schreiben - und es endet mal wieder mit einer filmreifen Festnahme: Eine Flucht über einen extra angelegten Tunnel in einem seiner Häuser in der Küstenstadt Los Mochis im Nordwesten Mexikos. Das Auftauchen an die Oberfläche durch einen Kanaldeckel, ein gekapertes Auto und dann die Festnahme im schmierigen Unterhemd nach einem 40-minütigen Feuergefecht in einem Hotel zwischen Marinesoldaten auf der einen und Leibwächtern von Guzmán sowie Pistoleros seines Sinaloa-Kartells auf der anderen Seite. Sechs Stunden dauerte diese Verfolgungsjagd wohl. Fünf tote Leibwächter, sechs Festnahmen und der so lang gesuchte Bösewicht in Handschellen waren die Ausbeute für die Regierung.

Doch was passiert jetzt mit dem Chef der größten Drogenorganisation Mexikos? Zunächst einmal wurde Guzmán wieder in das Gefängnis verfrachtet, aus dem er am 11. Juli durch einen 1,5 Kilometer langen Tunnel augebüchst war: "El Altiplano". Dieses Mal soll seine Zelle daher einen extra verstärkten Boden bekommen.

Aber wichtiger ist noch die Frage: Wird er an die USA ausgeliefert oder bleibt er in Mexiko und wird in seiner Heimat vor Gericht gestellt? Die USA brennt darauf, Chapo den Prozess zu machen. Dessen Anwälte haben hingegen schon vor Monaten alle juristischen Geschütze aufgefahren, um eine Überstellung an die US-Justiz zu verhindern. Am Samstag leitete die Generalstaatsanwaltschaft formell ein Auslieferungsverfahren ein und entsprach damit zwei US-Anträgen von 2015. Mit einer schnellen Abschiebung ist aber kaum zu rechnen.

Guzmáns Flucht hatte die Regierung von Peña Nieto der Lächerlichkeit preisgegeben und belegt, wie tief die Korruption in die staatlichen Institutionen eingesickert ist. Ohne Mitwisser im Gefängnis und in hohen Positionen wäre die Flucht nicht möglich gewesen. Zumal es die zweite Flucht des Drogenkönigs war. Erst 2001 war er getürmt, ähnlich spektakulär aus einem anderen Hochsicherheitsknast. Anschließend hatte er 13 Jahre lang das Organisierte Verbrechen in Mexiko dominiert und sein Sinaloa-Syndikat zu einer der größten illegalen Organisationen der Welt ausgebaut. Die Jahresumsätze liegen nach Expertenangaben im zweistelligen Milliardenbereich. Die Mafia soll für 25 Prozent der Drogenlieferungen in die USA verantwortlich sein. Das "Sinaloa-Kartell" ist in rund 50 Staaten vertreten und widmet sich 21 illegalen Aktivitäten. "Es ist längst keine Rauschgiftmafia mehr, sondern ein diversifiziertes Unternehmen des organisierten Verbrechens", sagt Edgardo Buscaglia, Leiter des International Law and Economic Development Centre in Mexiko.