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Nationalsport Schwarzfahren

Nationalsport Schwarzfahren

Viele Franzosen verstehen Schwarzfahren als Kavaliersdelikt. Bis zu zehn Prozent der Passagiere fahren ohne gültige Fahrausweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie riskieren lieber ein Bußgeld, als sich Monatskarten zu kaufen.

Im Regionalzug nach Paris hält ein junger Mann im eleganten Anzug kurz den Atem an. Ein Kontrolleur kommt näher. Dann ein erleichtertes Ausatmen: "Puh, er ist nicht stehen geblieben." Ein Kollege fragt: "Machst du weiter?" Der leitende Angestellte erwidert: "Sogar wenn ich die Strafe zahlen muss, ist das viel billiger als eine Monatskarte." Der Herr im Pendlerzug hat eines mit Jugendlichen in Kapuzenpullis und Damen in schicken Kostümen gemeinsam: Sie alle gehen dem Nationalsport der Franzosen nach - dem Schwarzfahren.

In der U-Bahn in Paris sind nach Schätzungen der Verkehrsbetriebe rund fünf Prozent der Fahrgäste ohne Ticket unterwegs. In den Bussen und Straßenbahnen, wo keine Sperren den Zugang für Schwarzfahrer erschweren, sind es fast doppelt so viele. Dagegen fahren nach den Zahlen des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen in deutschen Städten nur drei Prozent der Fahrgäste schwarz.

Das Faible der Franzosen für die sogenannte Beförderungserschleichung treibt inzwischen seltsame Blüten: Manche Studenten zahlen in eine Art Versicherung fürs Schwarzfahren ein - sieben Euro pro Monat in eine Kasse, um sich gegen Strafen abzusichern. Das ist billiger als ein Pariser Studenten-Jahresticket für umgerechnet 27 Euro monatlich.

Schwarzfahren gilt in Frankreich als Kavaliersdelikt. Besonders gut wird diese "Neigung" laut Politikprofessor Julien Damon von der Elite-Hochschule Science Po durch ein Foto aus dem Jahr 1980 veranschaulicht: Der spätere Staatspräsident Jacques Chirac, damals noch Bürgermeister von Paris, hüpft über eine Bahnsteigsperre in der Metro.

In Deutschland gibt es nirgends Bahnsteigsperren - und trotzdem gibt es weniger Schwarzfahrer. So suchen die Franzosen selbst nach Erklärungen für ihr Verhalten. Nach Ansicht des Soziologen Alain Mergier von der Stiftung Jean Jaurès verbirgt sich dahinter eine "paradoxe" Einstellung der Franzosen: Der Staat solle deren Ansicht nach "über die Respektierung der Gesetze wachen". Sein eigener Wächter wolle dagegen kaum jemand sein.

Vielleicht gibt auch eine politische Einstellung Aufschluss: Die Franzosen halten die öffentlichen Verkehrsmittel laut Mergier für ihr Eigentum. Viele hätten die Überzeugung: "Wenn sie für ihr Ticket nicht bezahlen, bestehlen sie niemanden." Der Staat sieht das naturgemäß anders: 300 Millionen Euro kosten Schwarzfahrer die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF pro Jahr, rund hundert Millionen Euro gehen den ebenfalls staatlichen Pariser Verkehrsbetrieben RATP durch die Lappen, schätzt Verkehrsminister Frédéric Cuvillier.

RATP-Chef Pierre Mongin forderte deshalb Anfang des Monats höhere Strafen. Mehr Kontrolleure könnten Schwarzfahrer ebenfalls in Schach halten. Doch das ist teuer. Etwa 20 französische Städte gehen deshalb inzwischen einen ganz anderen Weg: Dort ist der öffentliche Nahverkehr mittlerweile gratis.