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Mord im Auftrag des Vaters

Mord im Auftrag des Vaters

Kleve. Fotos von Gülsüm zeigen eine wunderschöne junge Frau mit einem offenen und strahlenden Lächeln. Richter Christian Henkel fällt es schwer zu beschreiben, welch grausame Bluttat der Bruder der 20-jährigen Kurdin an seiner eigenen Schwester verübte

Kleve. Fotos von Gülsüm zeigen eine wunderschöne junge Frau mit einem offenen und strahlenden Lächeln. Richter Christian Henkel fällt es schwer zu beschreiben, welch grausame Bluttat der Bruder der 20-jährigen Kurdin an seiner eigenen Schwester verübte. Mit "Schlägen von unsagbarer Wucht" zerstörten er und ein Helfer das schöne Gesicht, zerschlugen es mit Ästen - für die Ehre der Familie, wie die Täter sie verstanden.

"Weder mit großer Wut noch Verzweiflung noch Blutrausch" könne diese Tat erklärt werden, sagt der Richter mit leiser Stimme. Es ist ganz still im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Kleve. "Es wurde nicht brutal wahllos geschlagen, sondern gezielt." Gülsüms Bruder, der dunkle Hämatome auf seinem geschorenen Kopf hat, blickt starr auf den Tisch, er hebt seine Augen nicht, nur die Füße scharren unruhig.

Gülsüm starb, weil sie in den Augen ihres Vaters die Familienehre verletzt hatte. Sie lebte wie viele Frauen in Deutschland, aber nicht wie Frauen in konservativ-muslimischen kurdischen Familien. Sie hatte einen albanischen Freund und wollte nicht mit einem entfernten Verwandten zwangsverheiratet werden.

Zum Verhängnis wurde Gülsüm, dass sie schwanger wurde und abtreiben ließ. Davon erfuhr ihr streng nach dem Koran lebender Vater. Er hatte seiner Tochter schon zuvor mit Prügel den freien Lebensstil austreiben wollen. Dann wurden Vater und Sohn nach Auffassung des Gerichts "gleichsam Vollstrecker eines von ihnen selbst gefällten Todesurteils". Denn die Verletzung der Familienehre sollte nicht nach außen gelangen.

Das Gericht in Kleve sah es als erwiesen an, dass Gülsüms Drillingsbruder und sein aserbaidschanischer Helfer die junge Frau in ein Waldstück bei Rees am Niederrhein lockten und sie töteten. "Das ist eine grauenhafte Tat mit einem grauenhaften Ergebnis", sagt Richter Henkel. Doch die schwerste Strafe bekommt in diesem Indizienprozess Gülsüms 50-jähriger Vater. Der weißhaarige Mann nimmt sein Urteil - lebenslange Haft - scheinbar ungerührt auf der Anklagebank entgegen.

Der Vater war nicht direkt an dem Mord beteiligt, aber nach Ansicht des Gerichts war er der Drahtzieher. Das zeige die Fülle an Telefonaten, die der Vater am Tatabend mit seinem Sohn führte. Auffallend sei, dass sein Sohn sich anfangs nicht über die Beziehung der Schwester zu einem Albaner entrüstet habe.

Für Hans Reinhardt, den Verteidiger des Sohnes, hat das Urteil gegen den Vater eine wegweisende Bedeutung. Denn erstmals sei in einem "Ehrenmord"-Prozess damit ein Familienoberhaupt als "geistiger Urheber" verurteilt worden.

Zumeist werden nach Ansicht von Experten mit Morden an Frauen, die sich nicht den patriarchalischen Vorstellungen unterordnen, junge Brüder beauftragt. Denn sie müssen nicht mit so langen Strafen rechnen - Gülsüms 20 Jahre alter Bruder wurde zu neuneinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. Den Vätern sei die Mittäterschaft oft nicht zu beweisen, sagt Reinhardt. Im Prozess in Kleve war das Gericht bei der Familie "auf eine Mauer des Schweigens gestoßen".