Mit der Harley auf die letzte Reise

Usingen. Wenn Jörg Michael Grossmann seine schwarzglänzende Harley Davidson mit dem Sargträgerbeiwagen rückwärts aus der Garage rollt, bekommen die Passanten Stielaugen. Der 49-Jährige aus Usingen im Taunus bietet seit Anfang 2012 Bestattungsfahrten mit dem Motorrad an. 48 Menschen hat er bisher auf ihrer letzten Reise kutschiert. Grossmann ist Überzeugungsbiker

Usingen. Wenn Jörg Michael Grossmann seine schwarzglänzende Harley Davidson mit dem Sargträgerbeiwagen rückwärts aus der Garage rollt, bekommen die Passanten Stielaugen. Der 49-Jährige aus Usingen im Taunus bietet seit Anfang 2012 Bestattungsfahrten mit dem Motorrad an. 48 Menschen hat er bisher auf ihrer letzten Reise kutschiert.Grossmann ist Überzeugungsbiker. Seit seiner frühen Jugend lässt er sich auf dem Rücken verschiedenster Krafträder den Wind um die Ohren wehen. Die Idee zu seinem ungewöhnlichen Gewerbe kam ihm vor drei Jahren während seines USA-Urlaubs. Dort erlebte er, wie 400 Mitglieder eines Biker-Clubs einen Kumpel auf seiner letzten Reise begleiteten, den Sarg vorneweg auf der Plattform eines Beiwagens. "Ich war zutiefst beeindruckt von der stil- und würdevollen Abschiedsfeier", erzählt Grossmann und zupft an seinem schwarzen Diensthemd. 2011 reifte der Plan, einen ähnlichen Service auch in Deutschland anzubieten und dafür seinen festen Job als Vertriebsleiter einer Versicherung an den Nagel zu hängen. "Meine Frau und meine drei Kinder haben mich zunächst für verrückt erklärt, mir aber schließlich doch den Rücken gestärkt", erzählt er.

Die Umsetzung seiner Geschäftsidee bereitete Grossmann allerdings Probleme, denn die sperrigen, kastenartigen englischen Beiwagen taugen nicht für den Gebrauch in Deutschland. Deswegen entwarf er den Prototyp selbst und ließ ihn von einem Bootsbauer konstruieren. Dazu erstand er eine gebrauchte Kawasaki VN 1500. Mit dem Gespann übernahm der Usinger im Februar auch seinen ersten Auftrag in Düsseldorf. Rund 100 000 Euro hat die Entwicklung des Gespanns nach Angaben des Usinger Unternehmers verschlungen. Weitere 60 000 Euro investierte er in sein Harley-Gespann, das seit Kurzem fahrbereit ist und aufgrund der harmonischen Form und des satten Klangs mehr Anerkennung finden wird, wie Grossmann hofft. Den 2,70 Meter hohen Sargträgerbeiwagen hat sich Grossmann schützen lassen. Wer das Gespann nachbauen will, muss von ihm eine Lizenz erwerben. "Eine erste Anfrage gab es bereits aus Dänemark", berichtet Grossmann. Die Bestattungsfahrt mit dem Bike kann derzeit bei etwa 30 Bestattungsunternehmen gebucht werden und kostet rund 1200 Euro. Dazu kommen 30 Cent für den Transportkilometer.

Derzeit wirbt Grossmann um neue Kunden, etwa beim Verband christlicher Motorradfahrer. Motorradpfarrer Thorsten Heinrich sagt, er habe "keine Probleme damit, solange die letzte Fahrt pietätvoll abläuft und nicht zu einer Show ausartet". Er sei aber skeptisch, was den langfristigen Erfolg angehe. "Das Bestattungswesen in Deutschland ist sehr konservativ, und auch die Biker verhalten sich eher reserviert."