Matterhorn und Mont Blanc verändern sich wegen Klimawandel

Wegen Klimawandel : Das Matterhorn bröckelt

Der Klimawandel verändert die Schweizer Alpen tiefgehend. Auch auf einer herbstlichen Wandertour lauern Gefahren.

Der Bergführer ist am Matterhorn mit seinem Gast kurz unter dem Gipfel unterwegs, als die Tragödie passiert: Die beiden Männer stürzen im Juli aus 4300 Metern in den Tod, weil ein Stück Fels ausbricht. Beim Wandern am Gantrisch im Berner Oberland erschlägt ein herabstürzender Stein in diesem Sommer eine Frau. Im August bricht oberhalb von Brienz in Graubünden ein 100 Tonnen schwerer Felsbrocken ab und stürzt auf ein Feld neben einer Schule. Die Menschen sind alarmiert. Was ist mit den Alpen los?

Dass das Matterhorn bröckelt und seine weltbekannte Gestalt mit der zipfelmützenartigen Spitze demnächst verliert, ist nicht zu erwarten. Dass Bergsteigerrouten zu gefährlich werden, dagegen schon. Der Klimawandel hinterlässt Spuren. „Patient Matterhorn“, titelt die „Schweizer Illustrierte“. ETH-Forscher untersuchen den Einfluss des Klimawandels auf die Stabilität von steilen Felswänden. Sie haben Geräte installiert, die seit 2008 rund um die Uhr Messungen vornehmen. Die Grundlagenforschung soll Muster für Vorhersagen möglicher Felsstürze liefern.

Für das Bröckeln ist unter anderem das Auftauen des Permafrosts verantwortlich. Permafrost ist Gestein und Sediment, das das ganze Jahr über gefroren ist. Im Rahmen des Schweizer Permafrostmessnetzes (PERMOS) misst Permafrost-Expertin Jeannette Nötzli mit anderen Wissenschaftlern in den Schweizer Alpen die Temperaturen in Bohrlöchern von 20 bis 100 Metern Tiefe. Im Sommer tauten die obersten Meter der Permafrostschicht auf. „Es gibt eine klare Tendenz, dass diese Auftauschicht immer mächtiger wird“, sagt Nötzli. Innerhalb der letzten 32 Jahre habe sich der Permafrost um ein halbes Grad erwärmt. Der Unterschied mag sich gering anhören. Doch schon eine kleine Temperaturzunahme könne große Folgen haben, sagt Nötzli.

Außerdem schmilzt durch die höheren Temperaturen Schnee, der dann in Felsspalten dringt. Dabei baut sich enormer Wasserdruck auf, der irgendwann Felsstücke wegsprengen kann. Auch an den Gletschern wird es gefährlicher. Wo Eis geschmolzen ist, bleibt instabiles Geröll zurück, und das teils in sehr steilen Hängen.

Brienz, ein Dorf mit 80 Einwohnern zwischen Lenzerheide und Davos, lebt mit einer tickenden Zeitbombe: Oberhalb des Albulatals sind Felsmassen in Bewegung, das Dorf selbst schiebt sich bereits mit einem Meter pro Jahr vorwärts. Der Berg wird permanent überwacht. Mindestens sechs Stunden Vorwarnzeit gebe es, bevor die bis zu 22 Millionen Kubikmeter Felsmassen hinabstürzten, glauben Geologen. Die Gefahren veranlassen Bergführer zu neuen Mahnungen: „Die Alpen sind kein Freizeitpark“, sagt Beutel. Am Matterhorn gingen mehr Touristen heute wieder mit Bergführern.

Anders sieht es auf dem höchsten Berg der Alpen aus, dem Mont Blanc. Das meint zumindest der 76-jährige italienische Bergführer Pietro Giglio. „Bis vor kurzem war der Weg zum Gipfel auf italienischer Seite nicht viel anders als zu meiner Jugendzeit. Jetzt ist der Anstieg sehr steil, überall tauchen Felsen auf, die das Eis freigelegt hat“, sagt Giglio.

Auf der italienischen Seite des Mont Blancs, der an der Grenze zu Frankreich steht, herrscht deshalb zur Zeit Alarmstimmung. Denn dort bewegt sich der Planpincieux-Gletscher infolge der Erwärmung schneller in Richtung Tal. Der Bürgermeister des beliebten Skiorts Courmayeur ließ aus Sorge vor einem großflächigen Abbruch zwei Zugangsstraßen im Val Ferret sperren.

Könnten nun tonnenweise Eis herabrutschen und Bewohner und Touristen unter sich begraben? „Für das Val Ferret gibt es kein Risiko, selbst wenn 250 000 Kubikmeter herunterrutschen“, sagte der Klimatologe Massimiliano Fazzini von der Universität in Ferrara. Der Forscher betont, dass die Regierung in Italien einen nationalen Klimawandel-Plan erstellen müsste. Denn der Planpincieux-Gletscher sei kein Einzelfall.

Vor 20 Jahren habe es in Italien noch 93 Gletscher gegeben, nun seien es 104. Das bedeute, dass sich die einst größeren Gletscher durch den Temperaturanstieg teilten und somit vermehrten. Insgesamt gehe damit laut den Klimaforschern aber Gletscherfläche verloren.

Courmayeurs Bürgermeister Stefano Miserocchi betonte, es sei wichtig, „angesichts des Klimawandels immer mehr vorzubeugen“. Was genau er damit meinte, ließ er allerdings offen. Gleichzeitig versuchte er vor allem Angst vor einem Gletscher-Kollaps zu zerstreuen. Auf der Webseite der Gemeinde ist daher nun groß zu lesen: „Courmayeur ist nicht in Gefahr. Der Mont Blanc stürzt nicht ein.“

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