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Kuriose Karriere eines Theologen

Kuriose Karriere eines Theologen

David Berger (45) hat die Seiten gewechselt: Einst Leiter einer katholischen Fachzeitschrift, jetzt Chef eines Schwulen-Magazins: Es ist die Karriere eines überzeugten Katholiken, der zum Kirchenkritiker wurde.

Normalerweise wäre es kein großes Thema, wenn eine Schwulenzeitschrift einen neuen Chefredakteur bekommt - aber was ist bei diesem Mann schon normal? Die Karriere von David Berger (45) klingt kurios. Der Theologe machte jahrelang eine glänzende Karriere in konservativen Kreisen, war Chef der katholischen Monatsschrift "Theologisches". Inzwischen ist er eine Art Kronzeuge gegen Vatikan und Co. geworden - und jetzt ausgerechnet Chefredakteur eines Homosexuellen-Magazins. Die erste von ihm verantwortete Ausgabe der Lifestyle-Zeitschrift "Männer" erscheint am morgigen Mittwoch.

Berger fällt an seinem Wohnort, im Schwulenviertel von Berlin-Schöneberg, nicht groß auf - vorausgesetzt, man folgt dem Homo-Klischee von körperbewussten Mittvierzigern, das in dieser Ecke der Hauptstadt in der Tat oft bedient wird. Der Sitz des Bruno Gmünder Verlags, in dem die Zeitschrift "Männer" (früher auch "Männer aktuell") erscheint, ist nicht weit.

Drei Jahre nach seinem Coming-out in der "Frankfurter Rundschau" schrieb Berger kürzlich bei Facebook: "Es war seither nicht immer leicht, aber ich würde es wieder tun. Und die letzten drei Jahre waren insgesamt eine tolle Zeit, vor allem auch dank der Solidarität vieler guter Freunde und eines großartigen Manns an meiner Seite."

Nach zwei Jahrzehnten als Vorzeige-Katholik hatte Berger im April 2010 sein Schweigen gebrochen, er hatte die Bigotterie satt, etwa, dass er seinen Lebensgefährten bei offiziellen Anlässen als "Cousin" vorstellte, um akzeptiert zu werden. Als er plötzlich nicht mehr dem merkwürdigen Spiel "Was nicht ausgesprochen wird, existiert auch nicht" folgte, entließ man ihn aus der Päpstlichen Thomas-Akademie in Rom, wo er eine Zeit lang der jüngste Professor gewesen war. Im November 2010 erschien sein autobiografisches Buch "Der heilige Schein", eine Abrechnung mit fundamentalistischen Kirchenkreisen. Berger argumentiert stets christlich gegen das Verteufeln von Homosexualität, es gebe dafür keine gute Bibel-Grundlage. Dennoch entzog ihm der Kölner Kardinal Joachim Meisner im Mai 2011 die Lehrberechtigung für katholischen Religionsunterricht.

Berger gab seitdem unzählige Interviews, war in Talkshows zu Gast, schrieb Essays und provozierte, beispielsweise mit Thesen zur weit verbreiteten Homosexualität unter katholischen Klerikern. Er prangerte Unehrlichkeit und "Erpressungsmechanismen" innerhalb der Kirche an, bezeichnete die Ehelosigkeit und das Sexverbot für Priester als Machtinstrument, das besonders fügsame Untergebene beschere. Er machte sich damit eine Menge Feinde, gewann aber auch Fans.

Zuletzt hat Berger ein neues Thema für sich entdeckt: Seitdem in Frankreich Hunderttausende gegen die Ehe-Gleichstellung von Homosexuellen auf die Straße gingen, sei dort ein Anstieg schwulenfeindlicher Gewalttaten zu beobachten gewesen. Eindringlich warnt er vor französischen Zuständen in Deutschland.