Kontroverse um Elektro-Flitzer: An E-Scootern scheiden sich die Geister

Kontroverse um Elektro-Flitzer : „Rollender Unsinn“ auch für Saarbrücken?

In einigen Städten Deutschlands gehören sie bereits zum Straßenbild, in Saarbrücken wird das wohl demnächst auch der Fall sein. Doch wie umweltfreundlich und nützlich sind E-Scooter eigentlich? An dieser Frage scheiden sich die Geister.

Ihm selber ist das Fahrrad lieber. Das hatte Uwe Conradt schon im Wahlkampf bewiesen, als er auf zwei Rädern durch die Saarbrücker City tourte und Rosen verteilte. Aber der Oberbürgermeister weiß auch: An anderen rollenden Gefährten führt kein Weg mehr vorbei. „Es muss eine Akzeptanz für E-Scooter geben, auch bei denen, die sie nicht nutzen“, sagte der CDU-Politiker erst vor wenigen Tagen. Diese Akzeptanz ist umso wichtiger, wenn man bedenkt, dass es auch in der saarländischen Landeshauptstadt demnächst einen Verleih für die Elektroroller geben soll. Die Verträge mit dem Anbieter liegen zur Unterschrift bereit – was die Flitzer-Fans an der Saar ungemein freuen dürfte.

Während in anderen Teilen Deutschlands das Kopfschütteln nicht aufhört. So sagte beispielsweise der Journalist Deniz Yücel nach seiner Rückkehr aus der türkischen Haft in einem Interview mit der „Zeit“, es habe sich in seiner Abwesenheit in Deutschland gar nicht so viel verändert – bis auf die E-Scooter, die ihn irritierten. Eine Hamburger Politikerin nannte sie „rollenden Unsinn mit Batterieantrieb“. Andere fahren seit einigen Monaten begeistert durch die Innenstädte, vorzugsweise zu zweit und betrunken. Ja, entweder man liebt sie oder man hasst sie – dazwischen scheint es nicht viel zu geben.

Als sie für den deutschen Markt zugelassen wurden, waren die Roller voller Verheißungen. Nicht viel weniger als eine Revolution der Mobilität in den Innenstädten, versprach Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). „Das Versprechen, was die Nachhaltigkeit angeht, war sehr, sehr groß“, sagt der Mobilitäts-Experte Hannes Fernow von der Gesellschaft für Innovative Marktforschung. „Diesem großen Versprechen steht eine relativ nüchterne Realität gegenüber.“

Sie stehen im Weg, verursachen Unfälle und sehen dazu noch doof aus – so lassen sich die Gegenargumente und Statistiken in etwa zusammenfassen, die von Stadtbewohnern oder Polizeisprechern rauf  und runter zitiert werden. Die Kölner Polizei präsentierte innerhalb der ersten Wochen fast täglich neue Unfallmeldungen, Städte wie Köln und Düsseldorf verteilen mittlerweile ­Knöllchen für falsch abgestellte Roller. Die Anbieter der Leih-Roller hat man mittlerweile sanft an den Verhandlungstisch gezwungen, um über Probleme zu reden. Auch in Hamburg setzt man auf Kooperation.

Erste Studien zeigen: Die Umweltbilanz der E-Scooter wird den großen Versprechungen kaum gerecht. Laut einer Umfrage unter mehreren Tausend Nutzern in Paris hätten die meisten ohne Roller die öffentlichen Verkehrsmittel genommen oder wären zu Fuß gegangen. Kaum eine Autofahrt, die dank Roller gespart wird. Die Lebensdauer der Roller und der Abtransport per Diesel-Transporter schlagen tendenziell ebenfalls negativ zu Buche, wenngleich belastbare Daten bislang weitgehend fehlen.

Dass die E-Scooter im Sommer von einem Tag auf den anderen auf den Straßen standen, trägt Fernow zufolge dazu bei, dass sie von manchen als störend oder gar als Bedrohung empfunden werden. Einer Studie seines Instituts zufolge löst der Gedanke an die Roller bei 40 Prozent der 1000 Befragten „Ablehnung oder Ärger“ aus und lediglich bei vier Prozent „Begeisterung“.

Der Organisationsforscher Christoph Michels von der Universität Liechtenstein hält den Diskurs über E-Scooter für eine Stellvertreter-Debatte: „Ich denke, dass die manchmal negativen Emotionen durch die potenzielle Störung der eigenen Routinen und Gewohnheiten geweckt werden – und dann auf das Bild der schlecht geparkten Roller projiziert werden.“ Der Straßenverkehr werde damit noch stärker zu einem Raum, an dem man sich tagtäglich gegenüber anderen behaupten müsse.

Fernow hält die Roller aber auch deshalb für das perfekte Smalltalk-Thema, da zumindest jeder Stadtbewohner etwas dazu sagen könne: „Es betrifft uns alle, weil wir alle Verkehrsteilnehmer sind, vom Fußgänger bis zum Autofahrer.“ Nach dem Gespräch sei das Thema dann aber auch wieder relativ unbedeutend.

Selbst vor karnevalistischem Spott ist der E-Scooter nicht gefeit. Der Düsseldorfer Hoppeditz, eine traditionelle Karnevalsfigur, fuhr am 11. November auf einem E-Scooter zu seinem großen Auftritt – und kam trotzdem zu spät. Ob die Roller und ihre Fahrer 2020 etwas mehr Ruhe finden, bleibt abzuwarten. Schlimmstenfalls könnte aus Karnevalsanekdoten ein Dauertheater werden.