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Kongresszentrum in London zu Krankenhaus für 4000 Patienten umgebaut

Lockdown dauert seit zehn Tagen an : London mutiert zur Geisterstadt

Da in vielen Kliniken die Kapazitätsgrenze erreicht ist, wurde das Kongresszentrum zum Krankenhaus für 4000 Patienten umfunktioniert.

Es war ein ungewöhnlich sonniger Tag, als sich London selbst abriegelte. Als die Pubs in Soho ihre Zapfhähne abdrehten, die Museen an der Themse auf unbestimmte Zeit das Licht löschten, die Souvenirläden auf der Oxford Street ihre „Keep calm and carry on“-Schilder und Queen-Wackelfiguren einpackten. Es war der Morgen, nachdem der britische Premierminister Boris Johnson sich an die Nation gewandt und nach Forderungen aus allen Teilen der Gesellschaft nach strengeren Maßnahmen den endgültigen Lockdown verordnet hatte. Dann legte sich eine dumpfe Stille über die Metropole, eine Dunkelheit, die auch die Frühlingssonne nicht zu vertreiben vermag. Sie dauert nun seit zehn Tagen an. Es könnten gefühlt auch zehn Wochen sein – müßig, die Tage zu zählen in einer Zeit, in der sie alle gleich sind, Montag, Mittwoch oder Sonntag.

Allein, was sich verändert ist die Zahl der täglich vermeldeten Toten. Im Vereinigten Königreich sind bis Dienstag 1808 Menschen an den Folgen der Coronavirus-Infektion gestorben. London sticht als Epizentrum heraus. In vielen Kliniken ist die Kapazitätsgrenze erreicht, der nationale Gesundheitsdienst NHS steht schon jetzt vor dem Kollaps, auch wenn Bürgermeister Sadiq Khan warnte, die Stadt sei vom Höhepunkt der Pandemie „zwei bis vier Wochen“ entfernt. Ärzte, Schwestern und Pfleger klagen über das Fehlen von persönlicher Schutzausrüstung wie Masken und Handschuhen. Gleichwohl mangelt es an Beatmungsgeräten und vor allem: Tests. Steuert Großbritannien in die Katastrophe?

Um das System zu entlasten, wurde im Herzen der Docklands im Osten der Stadt binnen einer Woche ein Kongresszentrum, so groß wie ein Dutzend Fußballfelder, zum Nightingale Hospital umfunktioniert mit dem Ziel, bis zu 4000 Patienten versorgen zu können. Eine Zelle mit jeweils einem Intensivpflegebett folgt der nächsten. Und die Reihen scheinen kein Ende zu nehmen. Obwohl die Handwerker noch schrauben und hämmern, löst der Anblick der steril wirkenden Einheiten schon jetzt schieren Horror aus. Sollten die Plätze im Notfall alle belegt werden, wäre es die größte Klinik der Welt.

Während sie dort noch arbeiten, herrscht im Londoner Zentrum Stillstand. Erstmals seit den Angriffen der deutschen Bomber während des Zweiten Weltkriegs, als man den Alltag ebenfalls rationierte und die Wohnung wegen des Fliegeralarms nicht verlassen durfte. Es sind Erinnerungen aus Schwarz-Weiß-Zeiten, von denen man dachte, sie nie wieder in der Weltstadt erleben zu müssen. In jener Metropole, die alles hat – und das im Überfluss. Londons Schönheit liegt nicht in seinen Sehenswürdigkeiten und Wahrzeichen, seinen Plätzen und Monumenten. Sie speist sich aus dem Alltag, den Menschen, der Energie. „Wer Londons müde geworden ist, der ist lebensmüde; denn in London gibt es alles, was das Leben bieten kann“, sagte der Schriftsteller Samuel Johnson im 18. Jahrhundert. Seine Worte gelten auch fast 250 Jahre später.

Und nun wurde aus der Stadt alles Leben gesaugt. Gespenstisch. Gruselig. Der Stillstand, der zum Innehalten zwingt, ist schmerzvoller als man es für möglich gehalten hat. Ohne die Menschen bildet die Stadt lediglich eine Hülle, hübsch gewiss, aber London pfeift auf hübsch, sondern will weiter und das schnell. Wie überhaupt können mehr als neun Millionen Einwohner so unglaublich leise sein?

Die Sonne scheint noch immer ungewöhnlich oft und viel. Vielleicht ist das der Grund, warum beim Gang durch Londons Innenstadt die Szenerie besonders surreal erscheint – als hätte jemand einen Sepia-Filter über die Stadt gelegt und gleichzeitig Schalldämpfer angebracht. Die Sonne wirkt wie das Scheinwerferlicht, das auf eine Filmkulisse fällt, die London ähnelt, aber nicht ist. An der meistfotografierten Telefonzelle der Welt am Parliament Square, im Hintergrund der Glockenturm mit Big Ben und der Westminster-Palast, baumelt der Hörer, als hätte der letzte Tourist fluchtartig das Bilderbuchmotiv verlassen.

Kein Fluglärm, die meisten Airlines haben den Betrieb eingestellt. Keine Sirenen, zu frei sind die Straßen, als dass Krankenwagen und Polizei das laute Geheul benötigten. Kein Stimmengewirr. Kaum Verkehr bis auf die fast leeren roten Doppeldeckerbusse, die sich wie Überbleibsel aus der alten Welt durch die Metropole bewegen.