Kleingärten in Zeiten knapper Wohnungen: Mehr Nutzen für alle nötig

Wohnungsknappheit in Städten : Der Schrebergarten rückt ins Visier

In Zeiten städtischer Wohnungsnot müssten Kleingärtner ihr Land für alle öffnen, sagen Experten. Oder sogar hergeben?

Eine Idylle in Grün: Mehr als 400 Obstbäume und Sträucher alter und exotischer Sorten säumen die Wege in der Kleingartenanlage „Am Kienberg“ in Berlin-Marzahn. „Hier wächst unser Naschobst, an dem sich auch Besucher bedienen können“, sagt der Vorsitzende Burkhard Träder. Auch sonst zeigt sich die Anlage offen: Es gibt einen öffentlichen Spielplatz, zu Festen sind auch die Nachbarn willkommen. Die Anlage hat jüngst gar einen ersten Preis im Bundeswettbewerb „Gärten im Städtebau“ gewonnen. Auch weil hier das praktiziert wird, was alle Kleingartenanlagen nach Ansicht von Experten in Zukunft brauchen, um in Ballungszentren weiter bestehen zu können: ein Miteinander mit der Nachbarschaft. „Wenn Sie Akzeptanz in der Bevölkerung haben wollen, geht das nur, indem Sie sich öffnen“, sagt Träder. Denn die Gärten sind bedroht – vom akuten Bedarf an Bauland statt Grünland.

Berlin ist Deutschlands Hochburg der Kleingärtner. Mehr als 70 000 Parzellen gibt es hier. Auch in anderen Städten boomt die Sehnsucht nach grünen Oasen. Während Vereine in dünn besiedelten Regionen mitunter so starke Nachwuchsprobleme haben, dass Anlagen geschlossen werden müssen, geraten in Großstädten in Zeiten der Wohnungsknappheit Flächen wieder in den Fokus von Investoren. „Die Verdrängungsdiskussion gibt es in allen Metropolen mit wachsender Bevölkerung“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde, Stefan Grundei. Was tun? Aus seiner Sicht müssen Kleingärtner künftig nicht nur offen, sondern auch kompromissbereit sein, was ihre Flächen angeht. Grundei plädiert für eine „intelligente Nutzung“ der Gegebenheiten. „Eine Lösung wäre zum Beispiel, die Größe der Parzellen zu reduzieren und somit mehr Gärten auf der gleichen Fläche zu schaffen.“ Dann wäre es aus seiner Sicht auch möglich, in Ausnahmefällen Teile von Kleingartenflächen für wichtige Infrastrukturprojekte abzutreten. Insgesamt müsse die Zahl der Parzellen aber gehalten werden, – notfalls auch auf Ersatzflächen. In Hamburg sei dies bereits sehr erfolgreich.

Auch die Präsidentin der Architektenkammer Berlin, Christine Edmaier, plädiert für Verhandlungen und Kompromisse. Sie hat zum Beispiel die an Straßen liegenden Flächen im Blick. „An einigen bestehenden Kleingärten in gut erschlossenen Gebieten könnte man doch zumindest am Rand entlang der Straßen bauen. Da braucht man kein neues Bauland zu erschließen.“ Die Gebäude könnten sich ja auch anpassen, zum Beispiel durch viel Grün und Terrassen. Im Gegenzug könne man Kleingärtnern für den Rest der Fläche langfristige Sicherheiten geben, schlägt sie vor. Die Berliner rot-rot-grüne Regierung hat Kleingärtnern gerade erst neue Garantien für landeseigene Flächen angekündigt. Darüber, dass Kleingärten erhalten bleiben müssen, besteht hier Konsens.

„Die reflexartige Darstellung ‚Wir brauchen Wohnraum und dafür brauchen wir die Flächen’ hat zwar kurzfristige Effekte, ist aber langfristig nicht sinnvoll“, warnt Klimaforscher Jürgen Kropp vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Schon jetzt sei die Zahl der Hitzetage in Städten doppelt so hoch wie auf dem Land: „Je dichter wir eine Stadt bauen, desto größer ist der Hitzeeffekt“. Im ungünstigsten Fall werde sich die Zahl der Hitzetage bis zum Ende des 21. Jahrhunderts in Städten verzehnfachen. Grünflächen seien als Verdunstungsflächen wichtig für das Stadtklima.

Aber Kleingärten müssten schon einen „gewissen kulturellen Wandel“ erfahren, fordert Stadtplanerin Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik. Dazu zähle die „Rückführung der teilweisen Großbebauung“. Es vertrage sich einfach nicht mit bestimmten Gerechtigkeitsvorstellungen, wenn man einen gemeinnützigen Kleingartenzins bezahle, aber dort eine Art Wochenendhaus habe und nur noch alibimäßig drei Blümchen züchte.

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