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Prozess: Kleinbauer gegen Energieriese

Prozess : Kleinbauer gegen Energieriese

Die Gletscher schmelzen – und ein peruanischer Bauer macht dafür vor allem den Kohlekonzern RWE verantwortlich. Heute geht seine Klage in die zweite Instanz. Die Erfolgsaussichten? Eher bescheiden.

() In Südamerika schmelzen die Gletscher in Rekordgeschwindigkeit. Eine Folge: In den peruanischen Anden steigt der Wasserstand eines Bergsees bei Huaraz etwa 450 Kilometer nördlich von Lima seit Jahren an. Der Bauer und Bergführer Saúl Luciano Lliuya fürchtet, dass eine Flut sein Haus wegreißen könnte und hat den Energieriesen RWE verklagt. Bei der ersten Verhandlung vor dem Landgericht Essen sprach Lliuyas Anwältin von einer „Zeitbombe“. Dennoch: Die Klage, die es in Deutschland so noch nie gegeben hatte, lehnt das Gericht im Dezember 2016 ab.

Am heutigen Montag beginnt der Prozess in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht Hamm. Ein RWE-Anwalt hatte beim ersten Prozess argumentiert, dass nicht einzelne Unternehmen die Verantwortung für globale Phänomene übernehmen könnten. Denn sonst drohe eine Klagewelle aller gegen alle.

Konkret fordert der Kleinbauer von RWE 17 000 Euro für den Schutz seines Dorfes zu zahlen oder ihm wenigstens die 6300 Euro zu ersetzen, die er für die Aufstockung und Befestigung seines Hauses ausgegeben habe. „Es geht um Gerechtigkeit“, hatte der Landwirt vor Beginn des ersten Prozesses bekräftigt.

„Die Klage richtet sich gegen RWE, weil sie mit ihren Kraftwerken Treibhausgase in die Erdatmosphäre ausgestoßen haben, die für die globale Erwärmung mitverantwortlich sind“, sagt Lliuya. Dadurch habe es einen Gletscherrückgang in den Anden gegeben und letztendlich sei davon sein Haus bedroht. „Ich habe die Klage gegen RWE gerichtet, weil man nicht alle auf einmal verklagen kann“, sagte er.

Lliuyas eindringlicher Appell kommt nicht von ungefähr. Allein in den Anden stellen zahlreiche Berglagunen, die aus der Gletscherschmelze entstehen, eine Gefahr für Orte in den Bergen dar. Ein plötzlicher Anstieg des Wasserspiegels kann zu hohen Flutwellen führen und hat bereits Erdrutsche verursacht.

Gletscher haben gerade in den tropischen Gebirgen zudem eine bedeutende Funktion als Wasserspeicher. Besonders wichtig sind sie etwa für die Wasserversorgung in Peru, Bolivien und Ecuador. In Kolumbien soll es nach Angaben von Geschichtsbüchern vor 150 Jahren noch 15 Gletscher gegeben haben. Nun sind nur noch sechs Berge weiß bedeckt. Die Gletscher hier gelten mit als die am schnellsten schmelzenden weltweit.

Das kolumbianische Institut für Hydrologie, Meteorologie und Umwelt (Ideam) hat alarmierende Zahlen veröffentlicht. Demnach dürften bei gleichbleibender Geschwindigkeit der Schmelze in drei Jahrzehnten alle Gletscher Kolumbiens verschwunden sein. Allein in den vergangenen 50 Jahren sollen nach Ideam-Berechnungen 63 Prozent der Schneekuppenpracht verschwunden sein.

Erklärtes Ziel der Weltgemeinschaft ist es, die Erwärmung weltweit deutlich auf unter zwei Grad, besser noch 1,5 Grad zu begrenzen. Die Klimakonferenz in Bonn sucht nach Lösungen, wie das zu schaffen ist.

Bei einer Welt mit drei Grad Erwärmung zum Beispiel müsste sich die brasilianische Metropole Rio de Janeiro von seinen Stränden an der Copacabana verabschieden – ganz zu schweigen von all den bedrohten Inselstaaten in den Ozeanen, tod­bringenden Hurrikans und unkalkulierbaren Risiken auch in Europa. Und das knappe Gut Wasser würde auch in Kolumbien wohl noch knapper. Am deutlichsten wird die Gefahr für Kolumbiens Gletscher am Fall der Bergkette Sierra Nevada de Santa Marta im Norden des Landes. Hier liegen die einzigen schneebedeckten Gipfel der Karibik. Noch. Die Gletscherschmelze beeinflusst das Landschaftsbild, den Tourismus und die indigenen Völker der Kogi, Arhuacos, Wiwas und Kankuamos, die die dortigen Täler seit Urzeiten bewohnen.

Kolumbiens radikale landschaftliche Veränderung war für Präsident Juan Manuel Santos Anlass, als einer der ersten Staatschefs weltweit, im Sommer den Austritt der Vereinigten Staaten aus dem Klimaabkommen von Paris zu kritisieren. „Hier steht nichts weniger als das Überleben der Menschheit, des Planeten, auf dem Spiel. Wenn wir den Temperaturanstieg des Planeten nicht aufhalten, wird das uns alle negativ beeinflussen“, sagt Santos. „Kolumbien ist ein Land mit zwei Ozeanen. Wenn der Meeresspiegel stark ansteigt, wird das auch unsere Küsten komplett verändern.“

Doch können diese Entwicklungen einem einzelnen Energiekonzern zur Last gelegt werden? Darüber entscheidet von heute an das Oberlandesgericht Hamm. Ob allerdings heute ein Urteil fällt, ist unklar.