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Keine Sause: Michelin lädt Sterne-Köche wieder aus

Keine Sause: Michelin lädt Sterne-Köche wieder aus

Paris. Ein Sechs-Sterne-Menu für vier Hände war geplant, die Chefs "aller Drei-Sterne-Restaurants weltweit" sollten nach Paris kommen. Auch Harald Wohlfahrt aus Baiersbronn freute sich, an diesem Montag dabei zu sein, wenn die 100. Ausgabe des französischen Gourmetführers "Guide Michelin" gefeiert wird

Paris. Ein Sechs-Sterne-Menu für vier Hände war geplant, die Chefs "aller Drei-Sterne-Restaurants weltweit" sollten nach Paris kommen. Auch Harald Wohlfahrt aus Baiersbronn freute sich, an diesem Montag dabei zu sein, wenn die 100. Ausgabe des französischen Gourmetführers "Guide Michelin" gefeiert wird. Doch dann sagte Michelin-Direktor Jean-Luc Naret per Fax ab: "Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage" sei die Party gestrichen.

Auch eine internationale "Woche der Hohen Gastronomie" ist abgesagt. Nun wird die 100. Ausgabe in kleinem Rahmen präsentiert, mit Schmuckeinbänden, die französische Köche und Künstler gestaltet haben. In Restaurants des Landes findet ein Kochfestival statt. Der wichtigste Hotel- und Restaurantführer der Welt ist ein PR-Instrument des französischen Reifenkonzerns Michelin, im eigenen Interesse und dem der Gastronomie. Aber der Gewinn schrumpfte 2008 um mehr als die Hälfte, und man trat in Paris auf die Kostenbremse.

Den ersten "Guide Michelin" mit Tipps für Automobilisten gab es zur Pariser Weltausstellung 1900 noch kostenlos. Frankreich zählte 2897 registrierte Automobile, und es galt Tempo 30 auf allen Straßen. Benzindepots musste man noch beim kleinen Lebensmittelladen suchen oder auch beim Bäcker. Michelin erfand immer neue Hinweis-Piktogramme für nützliche Adressen, so ein Symbol für Hotels mit Foto-Dunkelkammer und eines für Gasthäuser ohne elektrischen Strom.

Von Anfang an versprach der Führer eine gerechte und strenge, völlig unabhängige Bewertung. "Kein pot de vin", kein Schmiergeld, warnte das kleine Reifen-Männchen. 1919 wurde jede Fremdwerbung im Guide abgeschafft. Doch dafür mussten die Kunden den Führer nun kaufen. 1924 plakatierte Michelin den "Schweine-Skandal" und forderte "Égalité", die Gleichberechtigung für Menschen. Denn Viehtransporter hatten damals schon Reifen mit Luftschläuchen, Pariser Busse liefen noch holprig auf Hartgummirollen.

André Michelin gehörte zum führenden Gourmet-Club des Landes. 1926 ließ er den ersten Stern für gute Speisen drucken. Fünf Jahre danach wurde das bis heute unveränderte Wertungssystem etabliert. Ein Stern: "Gute Küche", zwei Sterne: "Den Umweg wert", drei Sterne: "Lohnt eine Reise". Nur während der Weltkriege konnte der Guide nicht erscheinen. Dafür druckte der patriotische Konzern Straßenkarten für den Generalstab.

Seit 1970 empfiehlt das Reifenmännchen "Bibendum" auch preiswerte Restaurants. Doch das Hauptinteresse galt immer den Sternen der Spitzenköche, unter denen Paul Bocuse einer der Rekordhalter ist. Sein Restaurant bei Lyon hat seit 44 Jahren drei Sterne. Der 83-jährige Bocuse steht längst nicht mehr selbst am Herd. Michelin publiziert inzwischen Restaurantführer für 23 Länder. Die wechselseitige Förderung von Reifenabsatz und Kochkunst währt schon mehr als ein Jahrhundert.

Auf einen Blick

 Die letzte Vorkriegsausgabe des "Guide Michelin" von 1939. Foto: dpa
Die letzte Vorkriegsausgabe des "Guide Michelin" von 1939. Foto: dpa

Aus dem Saarland und den angrenzenden Regionen wären bei der Michelin-Feier in Paris vier Drei-Sterne-Köche dabei gewesen: Klaus Erfort vom Saarbrücker Gästehaus Erfort, Christian Bau von Victor's Gourmetrestaurant Schloss Berg in Perl-Nennig, Helmut Thieltges vom Waldhotel Sonnora in Dreis bei Wittlich sowie Jean-Georges Klein vom Restaurant L'Arnsbourg in Baerenthal-Untermuhltal. tr