Nach Vorwürfen gegen Till Lindemann „Keine Bühne für Rammstein“ – Proteste gegen Band bei Berlin-Konzerten angekündigt

Rammstein spielen in ihrer Heimat Berlin. Die drei Konzerte sind ausverkauft. Doch auf wie viel Begeisterung trifft die Band nach den Vorwürfen gegen Till Lindemann?

 Till Lindemann, Frontsänger von Rammstein (Archivfoto).)

Till Lindemann, Frontsänger von Rammstein (Archivfoto).)

Foto: dpa/Christophe Gateau

„Ich will“, einer der berühmtesten Rammstein-Songs, geht Sänger Till Lindemann derzeit nur schwer über die Lippen. Vor allem die ersten Zeilen „Ich will, dass ihr mir vertraut / Ich will, dass ihr mir glaubt“, sind derzeit offenbar ein Problem. Mal verfällt er in ein verzerrt wirkendes Lachen, mal lässt er Teile einfach weg.

Der ohnehin höchst ambivalente Song – von Fans in den knallvollen Stadien als einer der Höhepunkte der spektakulären Show stets frenetisch gefeiert – lässt nach den jüngsten Berichten um Lindemann und Rammstein einmal mehr nachdenken. Nun stehen (am 15., 16. und 18. Juli) gleich drei ausverkaufte Konzerte in Berlin an.

Rammstein in „Schockstarre“ nach Vorwürfen gegen Till Lindemann?

Aufregung, Kritik und Skandale gehören zu Rammstein wie harte Gitarren-Riffs und Feuerspektakel. Die aktuelle Diskussion um den Umgang mit meist sehr jungen Frauen und wilde Aftershowpartys aber erreicht eine neue Dimension. Seit dem Tourauftakt im Mai in Vilnius scheint in der Welt der Band, die häufig selbst provozierte Skandale sonst schlicht aussitzt, nur wenig wie vorher zu sein. Von „Schockstarre“ ist im Umfeld der Band zunächst die Rede.

 Till Lindemann, Frontmann von Rammstein, bespritzt mit einer Schaumkanone das Publikum.

Till Lindemann, Frontmann von Rammstein, bespritzt mit einer Schaumkanone das Publikum.

Foto: dpa/Carsten Rehder

Mehrere Frauen erheben – teilweise anonym – Vorwürfe gegen Lindemann. Sie schildern Situationen, die sie als beängstigend beschreiben. Junge Frauen seien während Konzerten ausgewählt und gefragt worden, ob sie zur Aftershowparty kommen wollten. Dabei soll es nach Schilderungen einiger Frauen auch zu sexuellen Handlungen gekommen sein.

Rammstein streicht Songs von der Set-List

Lindemann weist Vorwürfe gegen sich zurück. Seine Interessen lässt er anwaltlich vertreten. „In den sozialen Netzwerken, insbesondere auf Instagram, Twitter und bei YouTube, wurden von diversen Frauen schwerwiegende Vorwürfe zulasten unseres Mandanten erhoben“, heißt es in einer Mitteilung. „So wurde wiederholt behauptet, Frauen seien bei Konzerten von Rammstein mithilfe von K.-o.-Tropfen beziehungsweise Alkohol betäubt worden, um unserem Mandanten zu ermöglichen, sexuelle Handlungen an ihnen vornehmen zu können. Diese Vorwürfe sind ausnahmslos unwahr.“

Sex, Gewalt, Sado-Maso-Praktiken, Pornografie ziehen sich durch das Rammstein-Werk. Im Video zum Song „Pussy“ stellen Lindemann, Paul Landers, Richard Kruspe (beide Gitarre), Christian „Flake“ Lorenz (Keyboard), Oliver Riedel (Bass) und Christoph Schneider (Schlagzeug) einen Porno nach. Das Lied ist eigentlich Bestandteil der Konzerte, Lindemann reitet dabei eine phallusähnliche Schaumkanone und bespritzt die jubelnde Menge. Seit den vier Konzerten in München sind Song und Kanone von Set-List und Bühne verschwunden.

Lindemann verfasst umstrittenes Gedicht

Im Video zu seinem Song „Till The End“ ist der inzwischen 60 Jahre alte Lindemann in zahlreichen pornografischen Szenen mit jungen Frauen zu sehen. In einigen Sequenzen wird dabei ein Gedichtband von ihm verwendet. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat die Zusammenarbeit mit dem Autor aufgekündigt. In seinem Band „100 Gedichte“ findet sich ein Gedicht aus Täterperspektive mit K.-o.-Tropfen, Sex mit Schlafenden, Vergewaltigungsfantasien. Nicht nur Kritikerinnen nehmen Lindemann das lyrische Ich nicht ab.

Auch dem Rammstein-Label Universal Music Entertainment ist die aktuelle Debatte zu viel. Die Marketing- und Promotion-Aktivitäten für Rammstein sind vorläufig ausgesetzt. Dem Verkauf der Alben von Deutschlands international erfolgreichstem Musikexport versetzen die Diskussionen aber eher einen Push. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe sind zeitweise wieder sechs der acht Studioalben unter den Top 100.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Rammstein-Sänger Till Lindemann

Am schwersten wiegen die juristischen Konsequenzen. Nach Berichten über die Vorwürfe leitet die Staatsanwaltschaft Berlin ein Ermittlungsverfahren gegen Lindemann ein. Erhält die Staatsanwaltschaft Kenntnis vom Verdacht einer Straftat, muss sie ermitteln. Medienberichte können dafür der Auslöser sein.

Derzeit sieht die Staatsanwaltschaft keinen weiteren, mitteilungsfähigen Sachstand, um laufende Ermittlungen nicht zu gefährden. Verwiesen wird dabei etwa auf die Gefahr einer Beeinflussung von Zeuginnen oder Zeugen. Bis zum Abschluss der Ermittlungen gilt die Unschuldsvermutung. Die Band ist vorsichtig. „Strafrecht schlägt alles andere“, heißt es aus dem Umfeld.

„Till hat sich in den letzten Jahren von uns entfernt“

Von den Musikern gibt es jenseits erster karger Stellungnahmen zunächst auch keine Einschätzungen. Nach heftigen Debatten im Netz und anhaltenden Berichten schert Schlagzeuger Schneider aus. „Die Anschuldigungen der letzten Wochen haben uns als Band und mich als Menschen tief erschüttert“, schreibt der 57-Jährige auf Instagram. Er schildert seine Sicht: „Till hat sich in den letzten Jahren von uns entfernt und sich seine eigene Blase geschaffen.“

Autokonzert in Blieskastel mit Rammstein-Coverband "Völkerball"
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Autokonzert mit Rammstein-Coverband

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Foto: BeckerBredel

Auf der Bühne gibt es allerdings Solidaritätssymbolik der Band, die eigentlich alles nur im Konsens entscheidet. In München bilden die Musiker demonstrativ einen Kreis um Lindemann, in Madrid wird der Geburtstag von Gitarrist Kruspe gemeinsam und publikumswirksam gefeiert.

Proteste gegen Rammstein-Konzerte in Berlin angekündigt

Doch jenseits internationaler Konzertarenen braut sich etwas zusammen. In Berlin wird der Rammstein-Firmensitz attackiert. Initiativen wollen „Keine Bühne für Rammstein“, „Kein Rammstein in Berlin“ oder sammeln Geld für juristische Auseinandersetzungen. Gegen die Auftritte sind Proteste angekündigt. Unterschiedlich wird eingeschätzt, ob während der Konzerte mit Aktionen zwischen den jeweils mehr als 60 000 Menschen im Olympiastadion zu rechnen ist.

Die Polizei in der von ständigen Demos und Großveranstaltungen geprägten Hauptstadt sieht sich mit laufender Gefahrenbewertung gut vorbereitet. Zudem werde der Veranstalter beraten und sensibilisiert, heißt es.

Berliner Kultursenator gegen Verbot von Rammstein-Konzerten

Vorstöße für ein Verbot der Konzerte weist der Berliner Kultursenator und bekennende Rammstein-Fan Joe Chialo weiter zurück. „Die Forderung ist emotional verständlich, rechtlich gibt es keinen Hebel“, sagt er. Der ehemalige Musikmanager warnt auch vor übereilten Schritten angesichts der Empörungswelle. „Ich bin sehr vorsichtig, aus diesem Spin immer gleich Handlungsanleitungen abzuleiten.“

Claudia Roth: „Sexuelle Übergriffe haben in der Musikbranche nichts mehr zu suchen“

Berlins Grüne wollen allerdings konkrete Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt auch bei Großveranstaltungen. „Das Recht auf ein gewaltfreies Leben ist auch eine Frage der inneren Sicherheit. Die Politik steht in der Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen und für Veranstaltungen Sicherheitskonzepte mit Awareness-Strukturen verpflichtend zu machen“, so Parlamentsvize Bahar Haghanipour. Kulturstaatsministerin Claudia Roth sagt: „Patriarchales Mackertum und sexuelle Übergriffe haben in der Musikbranche, wie überhaupt in Kunst und Kultur und auch überall sonst, nichts mehr zu suchen.“

In Berlin scheint es erstmal keine Basis für neue Vorwürfe zu geben. In der inzwischen berüchtigten „Row Zero“ direkt an der Rammstein-Bühne tanzen schon seit Wochen keine jungen Frauen mehr. Zudem weist Innensenatorin Iris Spranger darauf hin, in den Liegenschaften des Landes werde es keine Aftershowpartys geben. Es wird unterschiedlich interpretiert, ob das auch für das gemietete Stadion gelten kann. Im Umfeld der Band wird allerdings bereits abgewunken. Eine Aftershowparty, sonst beliebt für Familien und Freunde gerade auch in der Heimatstadt, soll es in Berlin nicht geben.

(dpa)
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